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Thema: Kapitel XI – Unsichtbare Gefahr
Forum: Das Tal

Falls es Roghirs Absicht war sie von Zita und diesem Kachnik dort abzulenken, so war ihm das gut gelungen. Die Weiße ahnte, dass man ihr ihre Scheinaufmerksamkeit nicht auf ewig abkaufen würde. Sie musste sich der Konversation mit dem schwarzen Rüden stellen, dabei hielt sich ihr ehrliches Interesse in Grenzen. Sie fragte sich viel mehr, was in diesem Moment mit Skadi war und weshalb sie nicht hier war, doch aus Niyol war ja nichts herauszubekommen gewesen.
Also schenkte sie den Großteil ihrer Aufmerksamkeit Roghir, was ihr nicht leicht fiel, denn neben der Frage nach Skadis Verbleib geisterten noch immer die Gedanken um Kachniks wahre Absichten und Shiros Anwesenheit durch ihren Kopf. Mit einer kleinen Geste gab sie dem Rüden zu verstehen, dass sie verstand. Er erwähnte Kachnik … im Grunde brachte sie das auf eine Idee. Doch dann fiel da auch der Name „Avon“. Takata bildete sich ein, einiges zu verstehen. Konnte es sein, dass Kachnik und dieser Avon eine gemeinsame Sache ausheckten? Nun, sie waren zwar nicht zusammen fortgegangen, hatten es aber geschafft, Chaos und Unordnung in ihr Rudel zu bringen. Der Kopf ihres Rudels war nicht hier und allein Kachniks Rückholung hatte zwei Rudelmitglieder bedurft. Wenn es also ihr Ziel war, sie auseinanderzuspalten, dann war das für die ersten Momente nach ihrem Eintreffen schon eine beachtliche Leistung. Wie dem auch war, aber bei dem Namen des zweiten Abtrünnigen schnippten ihre Ohren aufmerksam nach vorn. Die Weiße sah Gespenster seit dem Ableben Tihars, aber das war nur ein Teil des Problems.
Was ihr dagegen gar nicht passte war, dass der Dunkle als nächstes mit einer intimen Fragerei ansetzte. Ob sie hier schon länger war? Er wusste nicht, dass dies noch nicht lange überhaupt ein Rudel war und sie tat gut daran, Derartiges nicht gleich auszuposaunen und Skadi damit unwillkürlich in ihrer Autorität zu schwächen. Sie sollte etwas über ihre … Rudelkameraden zum Besten geben? Ihr Blick zuckte ganz unwillkürlich zu Shiro, um gleich danach wieder in Roghirs Gesicht zu sehen. Netter Versuch … aber wenn sie begann etwas über die anderen im Rudel preiszugeben, dann konnte das nur nach hinten losgehen. Sie konnte berichten, was vorgefallen war … ein finsterer Dämon in Wolfgestalt, den ausgerechnet sie ins Rudel geholt hatte, zwei verkrampfte Hasswölfe, die ihr die Pest an den Hals wünschten – eine davon stand direkt neben ihnen – und eine Alpha, die sie einst aufgefordert hatte, sie den Flammen zu überlassen. Oder aber sie drehte es um und stellte sich gleich als den Fluch des Rudels dar, dann nahm sie den anderen die schmutzige Arbeit ab, aber das würde sie gewiss nicht tun. Also verneinte sie mit einer neuerlichen Geste ganz entschieden.

„Tut mir Leid, am besten du fragst jeden für sich. Es …“ Ihr Versuch, nicht ein weiteres Mal zu Shiro zu sehen, scheiterte kläglich, „gab in der Vergangenheit manchmal Unstimmigkeiten … (eine Untertreibung, die ihresgleichen suchte) … es wäre nicht gerecht über die anderen zu urteilen.“ Nun aber blieb ihr Blick ganz gezielt in Shiros Gesicht hängen. Für den Fall, dass auch sie sich angesprochen fühlte, mochte sie durchaus richtig liegen. Um das ganze jedoch nicht ad absurdum zu treiben oder gar einen neuen Streit zu provozieren, schwenkte sie daher ein und sah wieder auf Roghir.
„Es ist aber richtig, dass ich mit zu den Ersten hier gehörte.“
Auch das durften die finsteren Ohren Shiros gern hören. Es war ein Fakt, den sie sicher bisher ignoriert hatte. Doch würde sie nie vergessen, mit welcher Unerfahrenheit, mit welcher Leichtgläubigkeit sie in ihr Rudel gestolpert war, etwas, das ironischer Weise Niyol hatte zu spüren bekommen müssen.

( bei Shiro, Ayjana, Roghir & Aarinath; Zita, Pilgrim & Kachnik in Sichtweite, beim Mondscheinsee )
Thema: Ombre Obscure
Forum: Kreatives Pfötchen

Wochen später war die Aufregung um die Auseinandersetzung fürs Erste vergessen. Zarte Blumen
kämpften sich durch den rauen Boden und streckten der sanften Frühlingssonne ihre grünen
Blättchen entgegen. Es war die Zeit des ersten Löwenzahn, der wieder erwachenden
Gänseblümchen und der Insekten, die von Blume zu Blume summten, um den ersten Nektar zu
sammeln. Aus kleinen pelzigen Knäulen waren Miniaturwölfe geworden, die ihrer Mutter über das
saftige Gras folgten. Die Grau-Weiße mit den schwarzen Fellstellen entlang der Rückenseite lief
langsam und mit Bedacht an Bäumen und Steinen vorbei über die Wiese bis hin zum Bach, dessen
Sprudeln zum Träumen einlud.
„Mama, du riechst so anders als ich“, vermeldete die kleine Hellbraune und lenkte ihren
neugierigen, haselnussbraunen Blick hoch in Akhivas Gesicht. Die Fähe schenkte ihr nur einen
kurzen, aussagelosen Blick, bevor ihre Aufmerksamkeit zurück auf eines der etwas kleineren grauweißen
Wölfchen fiel, die rechts von ihr über den unebenen Boden stolperten.
„Zeigst du uns jetzt, wie man jagt?!“, wollte die kleine Rüdenstimme voller Erwartung wissen.
„Später“, entgegnete sie und machte am Bach halt.
„Wann ist später?!“
Sie nahm ein paar Schluck aus dem kühlen Nass und hob die tropfende Schnauze wieder. Ihr
wachsamer Blick lag zwischen den Bäumen auf der anderen Seite. Die Kleinen ahnten ja nicht,
welche Gefahren ihnen drohten. Ihre Sorglosigkeit war beneidenswert. Die Fähe nahm sich vor, die
Kleinen nicht herzugeben, wenn es hart auf hart kam, sondern im Zweifelsfall mit ihnen zu sterben.
Zu groß war die Bindung an die kleinen neugierigen Gesichter, die sie jeden Tag anschauten und
vielerlei Dinge wissen wollten.
„Trinkt. Wir müssen zurück, Papa wartet auf uns.“
„Papa ist ein Schlafwolf“, urteilte eine ihrer Töchter selbstbewusst und wurde sogleich von einem
ihrer Geschwister ins Wasser gestoßen.
„Selber Schafwolf“, piepste die andere Stimme und der kleine Rüde zeigte sich zufrieden über sein
Werk. Nur in Talejhachens Gesicht stand eine fast schon erwachsene Besorgnis, die der Grauen
nicht so recht gefiel. Es war nicht so, dass sie von den Übrigen ausgegrenzt wurde, viel mehr
isolierte sie sich selbst und ahnte, dass mit ihr etwas nicht stimmte.
Als die Familie zurück an ihrem Versteck im Wald war, unter den Eichen und Birken, rappelte sich
der schlaftrunkene Schwarze auf und verkündete seinen Unmut.
„Wo wart ihr? Warum bist du einfach weggegangen?“
Die Wölfin mit den blauen Augen antwortete selbstsicher. „Wir waren beim Wasser, die Kleinen
hatten Durst.“
„Du kannst nicht einfach irgendwo hingehen mit der ganzen Bande. Was, wenn die Men-“
Die Graue mahnte ihn zu mehr Zurückhaltung. Es war eine Abmachung zwischen ihnen, die
Zwerge nicht zu verunsichern und all zu früh mit den Gefahren durch die Zweibeiner zu
konfrontieren. Das würden sie noch früh genug mitbekommen, so oder so.
„Willst du mir ernsthaft beibringen, eine Mutter darf ihren Nachwuchs nicht mehr durch die
Landschaft führen, weil etwas passieren könnte?!“
Er hatte ansetzen wollen, um zu kontern, doch er ließ es bleiben, als er die Kleinen ausgelassen
spielen sah. Er wollte diese Harmonie nicht zerstören. Und gerade, da sie nachlegen wollte, da
ertönte ein Heulen weiter ab. Die beiden Köpfe der Erwachsenen schnellten in die Richtung, aus der
der Laut kam, um sich anschließend anzusehen.
„Ich geh' schon“, meinte sie und war bereits dabei loszugehen, als er dazwischenging.
„Nein, du bleibst hier bei den Kleinen und gibst auf sie Acht, wie es deine Aufgabe ist.“
„Das habe ich eben“, knurrte sie, „während du geruht hast. Jetzt passt du auf sie auf und ich
erledige das mit der Reviergrenze.“
Mit dunkler Stimme und einem Blick von unten herauf gab er Kontradiktion. „Akhiva … wenn sie
dich umlegen … hat unser Nachwuchs keine Mutter mehr.“
Sie fragte sich, ob das wirklich der einzige Grund für seinen Auftritt war oder ob er vielmehr darauf
aus war, den starken Verteidiger zu spielen, um sich selbst nicht überflüssig vorzukommen. Das
Heulen ertönte ein zweites Mal.
„Dafür bleibt ihnen ein selbstbewusster Vater, der sich von niemandem einen Bären aufbinden lässt
– ist das nichts? Die Jungen sind entwöhnt. Damit endet mein Mutterschutz. Wir sind von nun an
wieder gleichermaßen wichtig für die Welpen.“
Ohne seine Antwort abzuwarten, trat sie ab und lief dem Heulen entgegen, nicht ohne selbst noch
eines vorauszuschicken, um die alte Fähe, die da rief, wissen zu lassen, dass dieses Revier noch
immer aktiv besetzt war. Es wäre wohl nicht das erste Mal gewesen, dass die Reviergrenzen noch
frisch markiert, die Besitzer jedoch schon leichenstarr auf ihrem Grund und Boden lagen, von ihrem
eigenen Blute umspült.
Selbstbewusst stapften die vier grau-weißen Pfoten durch den frühlingsduftenden Mischwald, bis
die Fähe an einen kleinen Hang ankam, von wo aus sie einen guten Blick auf das knappe Tal
darunter hatte. Zum Fuße ihres Hanges stand eine alte, braungraue Fähe mit schwarzen Fellstellen,
deren gelber Blick müde und matt wirkte. Etwas gerupft sah ihr Fell aus und etwas kleiner war sie.
Und doch war ihr Anblick kein Erschrecken wert für die Graue, angesichts des Alters, das der
fremden Fähe auf dem Rücken lag. Im Gegenteil, die gebrechliche Braungraue durfte sich glücklich
schätzen, ein ganzes Wolfsleben hinter sich gebracht zu haben, etwas, das in diesen Tagen nicht
mehr für jeden ihrer Spezies galt.
„Was führt dich zu uns, Alte?“, fragte sie mit fester Stimme von oben herab.
Die ältere Wölfin, die mit Sicherheit schon das Dreifache Alter der jungen Fähe trug, senkte das
Haupt und legte die Ohren an die Seiten.
„Grüße … ich … bin Nadza. Ich kam hier her und … erbitte euer Revier durchqueren zu dürfen …
wenn ihr gestattet.“
Die Nasenflügel der Grauen zuckten. Der alte Geruch ihres staubigen Pelzes wehte bis hier oben. Es
war ein ganz eigenartiger, kaum zu beschreibender Duft, den wohl das Alter mit sich brachte. Was
die Junge stutzig machte war die Tatsache, dass ein alter Wolf, wie sie es war, noch auf Wanderung
war. Unmöglich konnte es sein, dass sie noch auf Suche nach einem Paarungspartner war. Zwar
gestattete der alte Fähenleib noch immer das Gebären frischen Lebens, doch schon der Gefahr
missratenen Nachwuchses wegen würde sich kein männlicher Wolf mit Verstand auf ein derartiges
Unterfangen einlassen, zumal die Alte kaum im Stande sein konnte noch immer größere Beute zu
schlagen. Ihr schmächtiger, abgemagerter Leib gab ihrer Vermutung Recht. Aber noch bevor die
junge Mutter nach dem Grund fragen konnte, lieferte die Alte ihn von selbst.
„Ich suche ein Niemandsland, ein unbedeutendes Randgebiet zwischen den Revieren, das mir ein
letztes Zuhause bietet und … in das sich von Zeit zu Zeit ein mageres Häschen verirrt, du
verstehst?“
„Was ist mit deinem alten Revier?“
Die betagte Fähe senkte erneut den Kopf und antwortete leise.
„Die Menschen … nahmen mir alles … alles. Ich habe keine Zuflucht mehr. Sie haben mein Revier
betreten und … für sich beansprucht. Sie … leben dort nun mit Beutetieren, die uns verboten sind
… ich ...“
„Schon gut“, antwortete sie, „du darfst passieren.“
„Hab vielen Dank.“ Die Alte suchte einen Weg hinauf, da kam Talejhachen angerannt. Sie hatte sich
vom Rest der Gruppe losgemacht, denn sie traute dem finsteren Vater nicht, der sie mit bösen
Blicken malträtierte, so als hatten sie beide noch eine Rechnung aus vorhergegangenem Leben
offen.
„Mutter!“ Sie schmiegte sich an das lange Bein der erwachsenen Fähe und sah erwartungsvoll zu
ihr.
„Warum bist du nicht bei den anderen geblieben? Ihr dürft nicht allein fortgehen, das habe ich euch
mehr als vier Mal beigebracht!“
„Ich wollte sehen, wo du ble-“ Da erblickte sie die alte Wölfin, die sich gerade auf den Hang
geschleppt hatte.
„Bezaubernd“, murmelte Nadza und in ihren Augen ging die Sonne auf.
„Wer ist die Wölfin?“, fragte sie leise. Sie war schon in dem Alter, dass sie wusste, dass nicht jeder
Wolf wie der andere war und dass man sich unvorteilhaft benehmen konnte, ganz anders als ihre
jüngeren Geschwister. Doch die Erwachsene mahnte sie, die Fremde zu ignorieren und mit ihr
zusammen zurück zum derzeitigen Rudelplatz im Wald zu gehen, was sie auch tat.
Als Akhiva mit Talejhachen zurück bei den anderen war, wurde die kleine Braune freudig von den
Graupelzen in Empfang genommen. Doch ihr wachsamer Vater, der Schwarze, erhob sich langsam
und zielte mit einem stechenden Blick auf das wölfische Wesen hinter seiner Fähe. Es brauchte
nicht lange und er legte seine gefährlichen Zähne frei, um die Wölfin auf Abstand zu halten. Die
Graue sah kurz zurück und erklärte gegenüber ihrem Partner.
„Das ist Nadza. Sie erbittet, unser Revier durchqueren zu dürfen.“
Das bekamen auch die Zwerge mit und so stürzten sie sich völlig hemmungslos und ohne, dass ihr
Vater im Stande gewesen wäre sie daran zu hindern, auf die Ältere.
Die Welpen, ausgenommen Talejhachen, umspielten die Beine der betagten Fähe wie kleine
Krabbeltiere und begannen sich dabei gegenseitig zu necken. Eines schnupperte an ihrem dünnen
Beinfell, bevor es feststellte. „Du riechst aber komisch.“
Die Alte lachte amüsiert und stubste eines der kleinen Geschöpfe an, was ohne nennenswerte
Verzögerung den wachsamen Vaterwolf auf den Plan rief.
„Weg von unserem Nachwuchs, Eindringling!“
Aber die Graue ging dazwischen und holte ihren Gefährten zurück auf den Boden der Tatsachen.
„Schon gut, was soll sie ihnen denn tun.“
Eines der unvoreingenommenen Wölfchen blickte zu Nadza auf wie ein Wanderer zu einem hohen
Berg und fragte mit piepsender Stimme.
„Hast du auch Kinder?!“
Die Alte überspielte dies mit einem unsicheren Lachen. Torbey zog sich nur widerwillig und von
seiner Partnerin wegstubsend zurück zu seinem Schlafplatz. Akhivas Schnauze ging dicht an sein
Ohr.
„Lass die Kleinen doch. Sie müssen die Welt kennen lernen, das kann ihnen niemand abnehmen.“
„Die Welt ist voller Gefahren“, stellte er mit harter Stimme fest und sah an ihr vorbei.
„Das war sie für uns auch, wir haben es trotzdem überlebt.“
„Das war eine andere Zeit. Der Druck durch die Menschen ist stärker geworden. Sie brauchen
unseren Schutz.“
Geduldig erwiderte sie mit eindringlichem Blick. „Den bekommen sie. Trotzdem müssen sie
Erfahrungen fürs Leben machen. Nadza, die alte Fähe, wird eine gute Erfahrung sein.“
„Erfahrungen können tödlich enden“, konterte er mit finsterer Stimme. „Du meintest, die Alte wolle
unser Revier nur durchkreuzen … dann bitte. Soll sie weitergehen und uns in Ruhe lassen.“
Jetzt trat sie näher an ihn heran und steckte ihre Nase seitlich in sein Halsfell.
„Aber Torbey, hast du nicht gesehen, in welchem Zustand sie ist? Sie ist unterernährt und schwach.
Sie wird keine drei Tage überleben.“
„Nicht unser Problem“, grummelte er und sah dabei starr auf ihr grauweißes Fell.
„Doch. Wir Wölfe müssen zusammenhalten. Du siehst doch, dass die Zwerge sie wunderbar
annehmen. Warum tust du dich so schwer?“
„Uns hat auch niemand was geschenkt.“
„Es ist kein Geschenk“, meinte sie und sah ihn kurz einmal eindringlich an, bevor sie weiter mit der
Schnauze in seinem dunklen Fell spielte. „Es ist ein gegenseitiges Nehmen und Geben. Sie kann
den Kleinen was beibringen, kann auf sie Acht geben …“
„Niemals lasse ich unseren Nachwuchs mit der Fremden allein!“, knurrte er und sah sogleich
wachsam hinter sie, um einen Blick auf die Jungen zu werfen.
„Und drei erwachsene Nasen wittern potentielle Gefahr eher als zwei. Wir können Verstärkung
ebenso gebrauchen wie sie etwas Fleisch. Gönn' ihr doch die Wertschätzung der Kleinen auf ihre
alten Tage.“
Er schnaubte. Im Grunde wollte er so von ihr nicht umgarnt werden. Sie streifte ihm durchs Fell
und ließ ihn ihre weibliche Wärme spüren. Er wusste, dass es Taktik war und konnte doch nichts
dagegen tun. In diesem Moment wagte er nicht sie wegzustoßen oder nach ihr zu schnappen. Auch
wenn er sich noch so oft eingeredet hatte, dass sie ja nichts anderes als seine
Reproduktionspartnerin war, so wusste er doch, dass es nicht stimmte. Sein Herz war unter ihrer
betörenden Wärme weich geworden, vielleicht zu weich in Zeiten, die so hart waren. Sie würde
noch einmal ihr beider Untergang sein. Aber für ein dunkles Grollen reichte sein Widerstreben dann
doch.
„Dann überlass' ihr doch die Braune. Soll sie glücklich werden mit dem Welpen und uns in Ruhe
lassen.“ Akhiva nahm Abstand und besah ihn, während er noch hinzufügte. „Vielleicht erbarmt sich
ein anderes Rudel ihrer und nimmt sie auf, wenn sie sehen, dass die Alte ein Balg an ihrer Seite
hat.“
„Du bist wirklich ungerecht“, urteilte die junge Wölfin und sah von unten herauf. „Talejhachen ist
ein Familienmitglied. Familienmitglieder gibt man nicht einfach weg. Wie kannst du so was nur
denken …“
Er spürte ihre weibliche Verachtung. Ihre Muttergefühle waren ihm zuweilen ein Dorn im Auge.
Was hatten sie am Ende von ihrer Fürsorglichkeit, wenn sie alle dafür draufgingen? Sie konnten
unmöglich jeden übrig gebliebenen Wolf retten. Sie hatten genug damit zu tun, ihre eigenen Jungen
vor der Bedrohung zu schützen.
Fürs Erste trat die Mutterwölfin ab und lief zurück zu den anderen. In dem Moment, als der
Erwachsenen auffiel, dass Talejhachen nicht bei den anderen war, erspähte sie sie auch schon. Sie
kauerte hinter einem Stein und lugte durch die jungen Grashalme wie durch einen Vorhang. Der
Blick in ihren kleinen Augen, die achtsam aufgestellten Ohren, gaben Akhiva eine Ahnung davon,
wie viel die Kleine bereits wissen mochte. Sie hatte sie belauscht.
Noch bevor die bräunlich gefärbte Wölfin im Stande war sie mit ihrem neu erworbenen Wissen zu
konfrontieren, trat die Grau-Weiß-Schwarze weiter hinaus auf den Rudelplatz, um der eifrig
umspielten Braunen mitzuteilen, dass sie mehr bekam, als sie erbeten hatte.
„Du bleibst vorerst bei uns“, meinte sie mit sanfter Stimme und einem liebevollen Blinzeln.
Die hagere Alte wirkte überrascht. „Ouh … das ist nett.“
„Ich werde schauen, ob ich etwas Fleisch auftreiben kann. Gib solange auf die Kleinen Acht.“
Die betagte Fähe stimmte dem mit einer Geste zu und stubste eines der Jungen zart mit ihrer
Schnauzenspitze an.
Akhiva trat hinein ins dichte Dickicht des angrenzenden Waldes, der immer mehr junge Knospen
und Blüten trug. Es konnte ein wundervolle Sommer werden, wenn sie es schafften, die Welpen vor
dem Bösen zu bewahren. Aber die selbstsichere Wölfin war erst wenige Schritte vom Rudelplatz
fortgegangen, da bemerkte sie, dass sie nicht allein war. Zunächst hatte sie an einen im Gesträuch
raschelnden Vogel, eine Amsel gar, geglaubt. Doch hinter ihr stellte sich selbstbewusst,
unumstößlich wie ein Felsen die schlanke Gestalt Talejhachens auf, die sie forsch ansah, als
versuchte sie sie allein mit dem Blick zu durchbohren. Ein harter Blick für einen Welpen.
„Was meinst du mit ,ein Familienmitglied gibt man nicht weg‘? Wieso will Papa mich weggeben?“
Die erwachsene Fähe spürte einen unangenehmen Stich in ihrer Seele. Sie hatte so gehofft, sie war
noch zu jung, um davon etwas zu verstehen. Aber die Braune war zu aufgeweckt, zu skeptisch, um
alles zu schlucken, das man ihr eingab. Sie war genauso widerspenstig wie ihr Vater, sofern sie das
von ihrer kurzen Bekanntheit zu beurteilen vermochte.
„Das will niemand. Geh zurück zu den anderen!“
„Ich will die Wahrheit wissen! Lüg' nicht!“
Das aber tat der Grauen noch viel mehr im Herzen weh. Es war das Erschrecken darüber, dass ein
so junges Wölfchen, das noch dazu unter ihrem Schutz stand, so mit ihr umzuspringen können
glaubte, gepaart mit der sicheren Erkenntnis, dass sie ja Recht hatte. Dennoch verbat sie ihr, so mit
ihr kommunizieren. In diesem Moment hatte Akhiva das Gefühl, eine Priese Torbey in sich
aufkommen zu spüren. Ein Reißzahn stand leicht hervor, ein unwillkürlicher Beweis für ihren
Unwillen, diesen Umgang Talejhachens ihr gegenüber hinzunehmen.
„Du gehst jetzt zurück zum Rudel“, befahl sie schlussendlich mit frostiger aber dennoch ruhiger
Stimme, den Blick ungebrochen. Kaum, da sich die schlaksige Welpin in Bewegung setzte, drehte
auch die Erwachsene ab und brach auf zur Jagd.
Es war eine kurze Jagd. Eine Herde Rehe, die das erste Grün genoss, das sich zwischen zwei
Waldflügeln aufgetan hatte. Die lose Gruppe Rotwild schien erst spät ablassen zu wollen von dem
saftigen Grün, als wollte sie nicht einsehen, die erfrischende Pflanzennahrung für das Erscheinen
eines Räubers aufzugeben. Das wiederum hatte die Grau-Weiß-Schwarze nur noch mehr angespornt
sowie die Gewissheit, dass, was auch immer ihr zustoßen mochte, es nun Wölfe gab, die für ihre
geliebten Jungen da waren. Kein Jagdunfall, kein Zwischenfall mochte ihr wirklich etwas anhaben,
solange sie beim letzten Atemzug nur sicher sein konnte, dass zwei erwachsene Wölfe für ihre
kleinen Schätze da waren. Sie hatte eines der Kleinen geschnappt, das noch unsicher auf den
dünnen Beinen gewesen war, gestackst war statt zu rennen, wie es die Großen taten. Ein kurzer
Biss, ein Verlagern ihres Gewichtes gegen das ungefährliche Rehkitz und der Fall, der sein Ende
besiegelt hatte. Nennenswert war allenfalls die kurze Szene, die sich nach dem raschen Tod des
Neugeborenen abgespielt hatte … die Mutter des jungen Rehs, die es wohl gewesen sein musste,
wie sie da gestanden hatte … unweit Akhivas, mit dem Blick zu ihr, dem Schnippen eines Ohrs,
dem Unwillen, den übrigen Artgenossen zu folgen und weiter zu fliehen. Es war der Blick von einer
Mutter zur anderen, das Gefühl, sie mochten etwas teilen. Dabei kam der Beutegreiferin noch nicht
mal der Gedanke, sie mochte soeben das Glück einer anderen Mutter zerstört haben, sondern einzig
die Frage, was die Kuh daran hinderte, das Weite zu suchen. Fast, als stünde eine ungewisse
Todessehnsucht in ihren nassen Pflanzenfresseraugen, die Müdigkeit eines Tiers, das dem
Jagddruck nicht mehr standhielt. Doch war es wirklich so oder gab sie sich der Einbildung hin?
Gehörte es sich nicht, dass das Reh vor dem Wolf floh, statt ihm mit eiserner Unentschlossenheit
entgegenzublicken, als war es ein Vorwurf, eine Frage an das Schicksal, wieso er und nicht das Reh.
Aber in dem Moment, als die Räuberin aufgesprungen war, um dem Reh nachzustellen, die Chance
nicht ungenutzt zu lassen das Rudel auf noch längere Zeit mit satter Beute zu versorgen oder
einfach nur um herauszufinden, ob das Räuber-Beute-Gefüge noch seine alte Gültigkeit besaß … da
ergriff das Rotwild die Flucht und folgte den anderen Mitgliedern der Herde über die junge Wiese
hinein in den angrenzenden Wald. Hier bei ihr war nur das Kitz geblieben, tot.
Das kräftige Heulen, das doch so weich erklang, sollte den übrigen Familienmitgliedern Bescheid
geben, wo sich Nahrung befand. Sie konnte das Fleisch unmöglich zu den anderen schleppen.
Stattdessen machte sich die Fähe daran, die Bauchhöhle des Jungtiers aufzureißen und das warme
Blut zu kosten. Es dauerte auch nicht lange, bis Torbey mit den kleinen Strolchen herbeigeeilt kam.
Akey, Tobay, Acaja und Torsay kamen direkt hinter ihrem Vater zum Platz des erlegten Wilds
gerannt. Weiter ab folgte ihnen die Fremde, Nadza. Ungeduldig wackelten die Ohren der stolzen
Jägerin. Wo war Talejhachen? Hatte sie den Anschluss verpasst? Die Grau-Weiß-Schwarze verließ
ihre Stelle voller Ungeduld und hastete der Dunkelbraunen entgegen.
„Talejhachen?! Wo ist sie?“
Zur selben Zeit verteidigte der Vater die Beute gegenüber den Kleinen.
„Weg da … zuerst fressen eure Eltern. Ihr kennt die Regeln!“
Das mochten sie tun. Dennoch hielten sich die ausgehungerten Zwerge nicht daran. Einer nach dem
anderen steckte seinen kleinen Kopf in das blutige Loch der Beute, um davon zu kosten. Torbay
unterdessen machte sich am Schenkel des Rehkitzes zu schaffen.
„War sie dir nicht gefolgt, als du zur Jagd aufgebrochen bist?“, meinte die Alte.
„Sie ist zurückgegangen. Ist sie nicht bei euch aufgetaucht?“ In Akhivas blauem Blick stand die
Panik geschrieben, ihre Ohren standen kerzengerade auf ihrem Kopf.
Die Alte verneinte. Nun wurde die Panik real. Akhiva bewegte sich von Hilflosigkeit beseelt über
das kurze Gras, bis sie entschied, ihren Gefährten mit der unangenehmen Tatsache zu konfrontieren.
„Torbay … Talejhachen ist nicht da. Wir … müssen sie suchen.“
Er nahm seine Blut befleckte Schnauze aus dem Kadaver und sah sie für einen kurzen Moment an.
„Vergiss es. Wenn wir jetzt gehen, macht uns jemand anderes die Beute streitig. Es wäre schade um
das schöne Reh.“
Wäre die Fähe nicht so voller Angst und Sorge gewesen, ein Indikator dafür, wie sehr sie sich der
Adoptivtochter längst verbunden fühlte, hätte sie ihren Gefährten wohl beißen müssen. Sie stieß ihn
stattdessen an und drängte ihn von der Beute weg.
„Komm! Wir müssen sie suchen, eh ihr etwas zustößt.“
Er grummelte böse. „Und was stellst du dir vor, wer in der Zeit auf unseren Nachwuchs aufpasst,
hm?!“
Die lange Schnauze der Wölfin zuckte in Richtung Nadzas. Anschließend meinte sie zu der Alten:
„Nadza, du bewachst unseren Nachwuchs. Such' ihnen Verstecke wie auf einem Rendez-Vous-
Platz.“
Die Alte erklärte sich bereit, da brach die Graue schon auf, um das verlorene Älteste zu finden. Erst
als sie bemerkte, dass ihr Partner dabei war erneut zur Beute zu gehen, um weiter zu fressen, drehte
sie um und zwickt ihn in die Flanke.
„Du kommst mit!“
„Ich denke nicht daran!“, wuffte er empört.
Also blieb sie noch einmal stehen und drohte Zähne bleckend und mit angelegten Ohren.
„Wenn du Talejhachen im Stich lässt und damit auch mich, bist du raus!“
Sein abfälliges, kurzes Auflachen bekam sie schon gar nicht mehr mit. „… urteilt wer? Du?!“
Nun mischte sich auch zum Ersten mal die alte Braun-Grau-Schwarze mit ein und meinte in
unterwürfiger Körperhaltung:
„I-ich glaube … sie meint es sehr ernst.“
Er sprang zu ihr herüber in nur einem Satz und drohte ihr mit einem krachenden Knurren.
„Wer hat dich gefragt, altes Weib?! Du gehörst nicht einmal dazu!“
Thema: Kapitel XI – Unsichtbare Gefahr
Forum: Das Tal

Takatas Blick hing heimlich fest an dem Müffelpelz, den sie wieder eingefangen hatte – Niyols Beitrag übertraf nicht den eines einfachen Statisten – und sie fragte sich, was er nun mit dieser Zita zu mauscheln hatte. Auch ihr Gesicht verzog sich dementsprechend und ihr Vorhaben, dem Austausch der Gruppe unmittelbar vor ihr zu lauschen, kam dabei abhanden. Genauer genommen bekam sie im ersten Moment nicht einmal mit, als sie sogar direkt kontaktiert wurde. Erst im nächsten Augenblick trat sie überrascht einen Schritt zurück, da sie bemerkte, dass ausgerechnet der schwarze Rüde überraschend nahe an sie herangekommen war. Was hatte der denn?!
Roghir … ja, den Namen hatte sie schon aufgeschnappt. Das sollte trotzdem nicht über eine geringe Ähnlichkeit seiner physischen Erscheinung mit Tihar hinwegtäuschen, zumal er größer war als sie. Unangenehme Erinnerungen wurden wach und sie tat gut daran, sie wieder einzuschläfern.

„Ehm … ja“, gab sie unbeholfen zurück und sah noch einmal prüfend auf diesen ominösen Kachnik in der Ferne. Konnte dieser Roghir nicht mal still sein? Wie sollte sie denn Kachniks und Zitas Dialog folgen?
„Ha- hallo Roghir“, warf sie zu seiner Beruhigung schnell zurück und lächelte entschuldigend. Dabei hatte sich ihre Rute von ganz allein wieder gesenkt, denn Dominanzgehabe war noch nie ihr Ding gewesen. Sie sah auch die anderen Wölfe der Gruppe an und fragte sich, weshalb von ihnen nichts kam. Besonders das Feuerauge ließ sie skeptisch werden, was sie aber zu verbergen versuchte.

Genauso, wie sie sich fragen konnte, was Zita und dieser Kachnik miteinander austauschten, konnte sie nur spekulieren, welche Informationen Shiro dieser Gruppe hier mitgegeben hatte, Bestimmt hatte sie die Neuen schon eindringlich vor ihr gewarnt, dabei war sie damals nicht gerade die Vorsicht in Person gewesen, nachdem der Dämonwolf seine Yuka verloren hatte. Takata vermied es, die Schwarze direkt anzusehen; ihre Gestalt aus dem Augenwinkel zu mustern und sicherzugehen, dass dieses unliebsame Gegenstück Abstand wahrte, genügte ihr völlig.
Was konnte sie dem noch hinzufügen, wenn Shiro doch sicher schon alles ausgeplaudert hatte? Ja, ich bin Takata und habe „das Rudel verraten“ in dem „ich an den falschen Wolf geglaubt habe“ ? Dummes Geschwätz.
Sie sah zu Roghir und zwang sich, ihn nicht mit denselben Vorurteilen zu versehen, wie zwei andere Fähen dies in ihrem Rudel zu tun pflegten.

„Takata … ist mein Name.“ Unwillkürlich glitt ihr Blick immer wieder in die Ferne. Verrückt, sonst fürchtete Zita stets um Pilgrims Wohlergehen, doch der Müffelpelz stellte dann keine Gefahr für ihn dar, nein?
„Und … wie geht es euch so? Seid ihr … gut angekommen?“, fragte sie beiläufig und sah nicht nur Roghir, sondern auch die beiden weißen Fähen kurz an, wobei sie der Blick Aarinaths, so hieß sie doch, eher abschreckte.

( bei Shiro, Ayjana, Roghir & Aarinath; Zita, Pilgrim & Kachnik in Sichtweite, beim Mondscheinsee )
Thema: Kapitel XI – Unsichtbare Gefahr
Forum: Das Tal

Sie wusste nicht, wie sie darüber denken sollte, dass nun gleich ein ganzer Stoß fremder Artgenossen auf ihr Rudel gestoßen war. Natürlich konnte man es ihnen nicht verdenken, denn die eisige Schneewüste, in der so viele ihrer unschönen Erinnerungen unter dickem Eis lagen, waren kein Ort für ein lebendes Wesen. Es gab dort nichts Richtiges zu fressen, keine Wärme, kein flüssiges Wasser und dementsprechend kaum Gesellschaft. Sie fragte sich gar, wie es diese Gruppe überhaupt so lange ausgehalten haben konnte. Viel ließ sich noch nicht über die Neulinge feststellen, außer dass sie sehr lebendig und rege wirkten. Bis auf diesen Kachnik, der ihr noch immer ein Dorn im Auge war. Es sollte sie nicht wundern, wenn er in Wahrheit etwas ganz Anderes ausbrütete. Konnten ihnen die Übrigen nicht Auskunft über ihn geben? Oder steckten sie am Ende alle unter einer Decke und Kachnik war nur der Einzige, der sich nicht fügen konnte? Dass der Kerl nicht normal war, sah doch ein Maulwurf.
Es war aber nicht so, dass sie im eigenen Rudel nicht schon genug merkwürdige Gestalten hatten. Wie mochten die neu angekommenen Wölfe über Pilgrim denken? Wie über Zita, die sie sicher gleich verwünschen und verstoßen würde, weil sie alles hasste, das ihre Scheinharmonie störte. Oder wie mochten sie über den hier denken, Niyol, das Vorzeigeexemplar für die Launen der Natur. Klar, nicht so schlimm wie ein Tihar, aber auch nicht gerade das, was man mit „normal“ bewerten konnte. Da hatte sie dem Grauen ein Mal eine normale Frage gestellt, anstatt weiter auf seine kleinen Sticheleien einzugehen, da kam das von ihm. Takata sah ihn schief an und legte ein Ohr an. Bitte was? Meinte er das ernst? Sie geriet ins Kopfschütteln und schnaufte verächtlich. Von welchem Stern kam er eigentlich?
Die Weiße machte Anstalten, ihn stehen zu lassen. Nicht aber ohne ihm vorher noch etwas an den Kopf zu werfen, dass ureigenster Empörung entsprang.

„Niyol, hat dir eigentlich schon mal jemand mitgeteilt, dass du einen an der Waffel hast?“ Sie ging näher an ihn heran und übte sich in einem bösen Gesichtsausdruck. „Vielleicht sind nicht die anderen so schwer erträglich - vielleicht bist du es, der nicht ganz rund läuft!“

Damit trat sie endgültig ab und schritt kurzerhand zu den Neuen und Shiro hinüber. Zwar tat ihr ihre Äußerung im nächsten Moment schon wieder ein Bisschen Leid, denn eigentlich war Niyol im Vergleich zu Shiro und Zita das kleinere Übel, aber in Momenten wie diesen, wo sie sich nur nach etwas Normalität gesehnt hatte, war er einfach unerträglich. Wenn er das witzig gemeint hatte, musste er unbedingt noch etwas an sich feilen.
Ohne es tatsächlich zu wollen, trat sie an die Neuen heran. Sie besah sie jeweils einzeln für einen kurzen Moment, vermied es dabei aber der schwarzen Fähe in die Augen zu sehen, die Rute dabei hoch tragend um klar zu stellen, dass die Neulinge es waren, die sich bewähren mussten, nicht umgekehrt. Zunächst mischte sie sich noch nicht ein, sondern versuchte aufzuschnappen, was noch von ihnen kam, bevor sie ihre Kommunikation aufgrund ihrer Anwesenheit fürs Erste einschränkten. Dann aber wollte sie mal etwas über diesen verschrobenen Jüngling wissen, der nicht ganz sauber roch.

( zunächst bei Niyol, in der Nähe von Zita, Pilgrim & Kachnik, dann bei Shiro, Ayjana, Roghir & Aarinath beim Mondscheinsee )
Thema: Yarok
Forum: Rüden

Ja, von meiner Seite her ist das in Ordnung. breites Grinsen
Thema: Yarok
Forum: Rüden

Ein schöner und ordentlicher Steckie, Gratulation. ^.^


Aaaber ... eine Sache wäre da. Das Foto -das kannst du nicht wissen- von diesem Wolf kann ich leider nicht genehmigen. Diesen Wolf hatte bei uns bereits Teyjen genutzt. Und der ist leider nicht zurückgekehrt. ^^''
Bitte schau doch noch einmal, ob auch ein anderes Bild für Yarok in Frage käme. Ggf. kann ich dir auch weitere, legale Fotos zur Verfügung stellen.

Ansonsten sind mir zwei kleine Orthografiefehlerchen aufgefallen, zum Einen

Jagt - Jagd

und sie Beide - sie beide

Korrigierst du das bitte? smile Du findest es leicht mit Strg (Ctrl) und F.

Skadi wird sicher noch mal einen Blick drauf werfen. Danach würde ich dir, wie gesagt, zunächst das Nebenrollenspiel ans Herz legen. Ich hab da auch schon was Nettes im Sinn. Zunge raus


Du hast die Regeln gelesen ... ich bin begeistert. 8 D
Thema: Vergebene Farben
Forum: Steckies

Ich würde dir Test Farbe #66CDAA Aquamarine 3 empfehlen, da alle anderen Farben den bisherigen zu ähnlich sind. ^^'
Thema: Kapitel XI – Unsichtbare Gefahr
Forum: Das Tal

Etwas abseits stehend, hob Takata eine Braue, als der Graue so richtig in Fahrt kam. Offenbar hatte sie mitten ins Schwarze getroffen. Der Wolf, der sonst fast nur guter Stimmung war, war in diesem Moment außergewöhnlich erregt. Natürlich schob er alle Schuld auf sie und stellte sie als den Griesgram hin. Verstand er denn nicht, dass er gestört hatte? Dass sich dieser Kachnik Skadis Aufforderung widersetzt hatte, war nicht ihre Schuld gewesen. Sie hatte ihr Bestes gegeben, um ihn zurückzuschicken, war sogar bereit gewesen selbst zurückzukommen, obgleich sie das alles gerade eher überforderte und er stellte sie in Frage. Sie? Takata wollte stark hoffen, dass er das nicht tat. Denn das taten hier schon die meisten. Wahrscheinlich wäre es ihnen nur recht gewesen, die Polarwölfin wäre mit Tihar gestorben und länger nun dort, sicher verwahrt unter dickem Eis.
Takata ging nicht auf seine Abwehrhaltung ein. Sie zwang sich daran zu glauben, dass nicht sie schuld an seiner Situation war. Womöglich ging es ihm sogar ähnlich und er hatte sich in seiner Aufgabe gestört gefühlt. Nicht, dass sie sich am Ende noch darum stritten, wer Skadi zuerst einen Gefallen tun würde. Zweifellos brauchte die Sandfarbene in Augenblicken wie diesen, wo gleich ein halbes zweites Rudel aufgetaucht war, so viele Wölfe wie möglich, auf die sie sich verlassen konnte. Dann wollte sie ihr Bestes geben zu beweisen, dass sie dazu fähig war. Das ging aber schlecht, wenn sich ihre Kompetenzen zu überschneiden schienen. Niyol der Wolfssammler.
Als nächstes endlich ging er auf ihre Frage ein und erklärte, dass noch jemand ausgerissen war. In diesem Moment blickte sie sich um und versuchte zu registrieren, wer dies genau sein konnte … Avon. Aber zunächst fiel ihr niemand ein, immerhin hatte sie die Neuen ja auch nur für einen kurzen Moment gesehen. Das hieß … doch, einer fehlte. Das war der alberne Stolperwolf, der sich Skadi -im wahrsten Sinne des Wortes- unterworfen hatte. Nun, um den war es vermutlich nicht schade. Falls es seine Absicht gewesen war, sie zum Lachen zu bringen, konnte er ihr gestohlen bleiben. Nach alledem, was passiert war, hatten sie beileibe keinen Grund mehr zum Lachen. Und ein Wolf, der noch nicht mal seine Extremitäten im Griff hatte, war für sie sicher auch nicht von Nutzen. Sie wusste, Skadi würde das ähnlich sehen. Sie hatten doch genug eigene Probleme. Das brachte sie dazu, Niyols unterschiedliche Perspektive zu nutzen, damit sie an Erfahrung austauschen konnten. Sie ging etwas näher an ihn heran, sah dabei aber auf die Neuen, bevor sie sich mit leiser Stimme an den Grauen wandte.

„Und … was denkst du über sie?“

Zeit, sich mit den Fremden zu beschäftigen, statt einander Vorwürfe zu machen, Denn so Nerven belastend der Graue auch mitunter sein konnte, eine Gefahr ging von ihm sicher nicht aus. Bei den Neulingen hingegen war sie sich da nicht so sicher und setzte daher darauf, dass sie alle verfügbaren Ohren und Augen offen hielten. Nichts fürchtete sie mehr als eine erneute Infiltrierung durch einen, der nur das Destruktive im Sinn hatte. Ihr Blick hing fest auf dem Leib des Schwarzen – Roghir.

( bei Niyol, Shiro, Zita, Pilgrim, Ayjana, Roghir, Kachnik, & Aarinath beim Mondscheinsee )
Thema: The Den of Roghir
Forum: Kreatives Pfötchen

Hübsch. ^^ Man merkt, dass du echt Gefallen an der Zeichenkunst hast. smile Das Erste sieht au wie ein kleines Krümelmonster. großes Grinsen

Na und Avon .. ist dir gut gelungen. Aber warum hast du deinem Wolf nicht ein wenig Schwarz spendiert? Zwinkern

Ps. Die Anführungszeichen kannst du gleich mal raus editieren. Muhaha
Thema: Der Wolf kehrt nach NRW zurück
Forum: Canis Lupus

Wölfin lässt sich im Kreis Wesel nieder. Halter von Schafen und anderen potentiell durch den Wolf gefährdeten Tieren können jetzt Unterstützung zum Schutz ihrer Tiere beantragen, denn das Gebiet wurde offiziell zum Wolfgebiet erklärt.

https://www.focus.de/panorama/welt/zuech...id_9690600.html

Der Wolf war in NRW 180 Jahe lang abwesend.
Thema: Kapitel XI – Unsichtbare Gefahr
Forum: Das Tal

Wie zu erwarten gewesen war, hüllte sich der Graue nicht gerade in Schweigen. Es war beileibe nicht schwer, Laute aus ihm herauszuquetschen. Das Problem war eher, dass das Meiste von dem, was er von sich gab, nicht wirklich zu gebrauchen war. So beantwortete er ihre Frage genauso wenig, während sie es als zu offensichtlich erachtete, weshalb sie vorwurfsvoll geschaut hatte. Aber das musste hier nicht diskutiert werden, schon gar nicht vor den Neulingen. „Welpe“ … das verzieh sie ihm nicht. Hatte er sie vor den Augen und Ohren der anderen tatsächlich als Welpen dargestellt? Die Weiße zischte kurz. Verrückt, denn das war genau der Oberbegriff, unter dem sie ganz allgemein seinen Charakter zusammengefasst hätte. Immerhin dementierte „Welpe“ Niyol, dass er Ambitionen hegte, irgendwelche Hierarchien zu übernehmen, Beta-Welpe Niyol etwa. Das beruhigte sie aber nicht; am Ende war es so, dass er selbst nicht mitbekam, wenn er sich solch einen Posten erarbeitete. Es war also ernsthaft fraglich, wie Skadi dazu stehen würde, wenn er solch wichtige Aufgaben übernahm … ohne, dass man ihn darum gebeten hätte. Ihre Augen wanderten in seine Richtung, ohne ihn aber vollends zu erfassen. „Wir wussten nicht …“ Trotzdem glaubte er, alles richtig gemacht zu haben. Es ließ ihr keine Ruhe, die Chance verpasst zu haben, den Ausreißer zurück zum Rudel zu bringen. Jetzt war Skadi noch nicht einmal hier, um davon mitzubekommen, dass er wieder da war.
Und je länger man Niyols Schnauze gewähren ließ, desto absurder wurde das Zeug, was sie von sich gab. Sie zeigte mit einer immer deutlicher werdenden Geste, wie falsch er lag und dass er doch bitte endlich aufhören sollte, derartiges von sich zu geben.

„Der Einzige, der mich in Frage gestellt hat, bist du“, stellte sie fest. „Mit deinem Auftritt vorhin hast du Kachnik die Chance genommen, freiwillig zurückzukehren.“ Jetzt sah sie ihn auch direkt an, wenn auch nur für einen kurzen Augenblick. „Aber daran denkst du noch nicht einmal. Du stolzierst stattdessen zufrieden auf deiner vermeintlichen Heldentat herum.“

Er stellte es vor Skadi sicher so hin, als hatte er ihnen beiden das Leben gerettet. Aber das hätte er wohl gern gehabt. Bei einem Versuch, sie vor dem Sturz in einen gefährlichen Abgrund zu bewahren, wäre er doch mit Sicherheit selbst abgestürzt, wenn man ihn nicht rechtzeitig am Schopf festhalten würde vor strotzendem Übereifer. Es wunderte sie, wo gerade er plötzlich sein Verantwortungsbewusstsein ausgegraben haben mochte, der er sonst nur mit anderen spielte und ihrer aller Geduld auf die Probe stellte.
Im nächsten Moment sah sie ihn von unten herauf an, aber auch nur für einen Moment.

„Es wäre besser, du legtest wieder den alten Niyol an und den weg, der sich gerade für unverzichtbar hält. Außer Kachnik ist schließlich noch keiner verloren gegangen. Aber vielleicht wärst du so nett mir endlich mitzuteilen, wo unsere großzügige Alpha hin ist?!“

Das großzügig meinte sie dabei keineswegs ironisch. Sie wollte viel mehr verdeutlichen, für wie wichtig sie die Wölfin in ihrer Position hielt im Vergleich zu seinem einfältigen Versuch, sich wichtig zu machen. Es war nicht so, dass sie Niyols Dasein im Rudel ernsthaft in Frage gestellt hätte, jedoch wünschte sie sich, dass er seinen bisherigen sozialen Bereich nicht überschritt. Wolf, bleib bei deinen Rehen!

( bei Niyol, Shiro, Zita, Pilgrim, Ayjana, Roghir, Kachnik, & Aarinath beim Mondscheinsee )
Thema: Kapitel XI – Unsichtbare Gefahr
Forum: Das Tal

Doch er war gleich hier. Sie wurde das Gefühl nicht los, der Graue Spaßvogel war losgeschickt worden, um sie beide wieder aufzulesen und zurückzubringen. Doch mochte es einem mehrjährigen Niyol auch fremd sein, aber Takata war bereits groß und alt genug, um den Weg allein zurück zu finden. Sie hatte keinen Grund die Flucht zu ergreifen. Sie hatte den Segen von der Alpha persönlich, Teil des Rudels zu sein. Bei Kachnik mochte das anders aussehen, in jeder Hinsicht. Den hatte Niyol gleich zur Seite geschickt und kam anschließend verdächtig nahe an sie heran. Sie mied es, ihn so anzusehen, wie er es eigentlich verdient hatte. Ihre Nasenflügel zuckten, als sie geradeaus sah, wo die Sandfarbene wohl verschwunden war. Nur der Grund blieb ihr verborgen. Als er dann etwas von ihr wissen wollte, rollten ihre hellen Augen zwar in seine Richtung, den Kopf wendete sie ihm allerdings nicht zu. War das nicht offensichtlich gewesen? Er störte. Aber sie hütete sich, ihm das so offen beizubringen. Takata wusste, sie musste behutsam sein, denn viele in diesem Rudel hatten keine Geduld mehr mit ihr. Umso wütender machte es sie, wenn man ihr nicht einmal mehr die Freiheit ließ zu entscheiden, wo in diesem Revier sie sich aufhielt. Bestimmt hatten sie alle insgeheim geglaubt, Takata versuchte Kachnik für irgendwelche merkwürdigen Vorgänge im Rudel zu rekrutieren. Das war absurd. Glaubte er das auch? Sie würde ihn das so offen nicht fragen, erst einmal begann sie von vorn.

„Hat Skadi dich geschickt?“

Jetzt erst sah sie ihn offen an. Sein halbes Grinsen ließ sie vorsichtig werden. Sie traute ihm zu, ihre Gefühle nicht ernst zu nehmen. Dabei hatte sie gehofft, dass gerade seine lockere Art eine Hilfe sein konnte auf dem Weg zurück in die Gemeinschaft. Doch Spaß auf Kosten ihrer inneren Zerrissenheit ging dabei zu weit.

„Ich brauch' keinen Aufpasser“, stellte sie unmissverständlich und kühl klar, sah dabei aber wieder geradeaus, wo sie die Alpha vermutete. Ihr schwante, dass es jetzt zu einem kleinen Schlagabtausch mit ihm kommen würde. Nicht so, wie man das von anderen Wölfen erwartete, sondern so, wie es Niyol tat. Also schob sie dem einen Riegel vor, ließ ihm kaum Zeit zum Antworten, denn die wahre Antwort (klar hatte sie ihn geschickt), meinte sie eh schon zu kennen.

„Wo ist sie? Warum ist sie nicht hier? Bist du jetzt ihr Stellvertreter?“

Wenn dem so war, herzliches Beileid. Niyol hatte bislang keine verantwortungsvollen Positionen bezogen und sie war dagegen, dass sich das änderte. Nicht, weil sie Sorge hatte, dass er seinen Humor dann verlor, sondern im Gegenteil, weil sie fürchtete, dass Humor dann gewissermaßen zur Rudeldoktrin wurde, angeordnet von ganz oben. Lachen mit Niyol, aber im Gleichschritt!

( bei Niyol, Shiro, Zita, Pilgrim, Ayjana, Roghir, Kachnik, & Aarinath beim Mondscheinsee )
Thema: Ombre Obscure
Forum: Kreatives Pfötchen

Die Suche nach Beute trieb die Zwei immer weiter vom aktuellen Rudelplatz fort. Dabei war es so,
dass Ortûn der ihm noch recht fremden Fähe folgte. Abgesehen davon, dass sie nun mehr einen
höheren Rang besaß als er, hatte sie sich auch schlicht durchgesetzt und wäre ihm wohl keine drei
Schritte gefolgt, während er zusehen musste, dass er den Anschluss nicht verlor. Mit Blick auf ihr
Hinterteil dachte er nach, was er von ihr halten sollte. Es war also so, dass dieser Torbey
eifersüchtig war und sie nicht mit ihm hatte ziehen lassen wollen. Doch was glaubte er denn? Dass
sie zusammen durchbrannten und ihrer beider Nachwuchs zurückließen? Wohl kaum. Abgesehen
davon war sie nicht paarungsbereit. Es musste also etwas anderes sein. Vielleicht hatte er Angst, er
würde ihr etwas antun. Doch warum sollte das der Fall sein? Er hegte nicht direkt Groll gegen sie
oder hatte sonst Freude am Leid eines anderen Wolfs. Er war kein Mensch. Dafür aber hing an
ihrem Glück auch das seiner einzig verbliebenen Tochter. Ortûn hatte beileibe keinen Grund
jemandem etwas anzutun. Sein Fazit war, dass die Missgunst des Schwarzen völlig unbegründet
war. In seinen Augen waren sie wohl viel mehr so etwas wie eine Überlebensgemeinschaft, die sich
gegenseitig half. Aber das würde er wohl nie erkennen. Vielleicht war es aber auch nur so schlimm,
weil der andere Vaterwolf durch die äußeren Umstände und den Fakt, dass seine Welpen noch
immer sehr fragil waren, besonders empfindlich auftrat.
Fürs Erste arbeiteten sie sich durch kahle Zweige, die Büschel ihres Fells auszureißen drohten. Vor
allem sein lockeres, langes Fellhaar war davon bedroht. Die Fähe hatte angehalten und reckte die
Nase in den Wind. Der Rüde betrachtete sie abschätzig. War das mit dem Schwarzen eigentlich eine
reine Zwecksache, die in erster Linie dem Nachwuchs galt oder hatte sie den Kerl wirklich lieb? Vor
allem aber hatte er insgeheim vielleicht gehofft, sie würde die Jagd nutzen, viel mehr noch, hatte sie
dafür ins Leben gerufen, damit sie ihn einmal über die Hintergründe aufklärte, die verantwortlich
sein mussten für Torbeys eigenartiges Benehmen. Doch da kam … nichts. Sie schien ihm wirklich
treu zu sein, verlor keinen falschen Ton über ihren Gefährten, wenn sie außerhalb seiner Hörweite
waren. Stattdessen ging sie mit ihm einfach auf die Jagd. Vielleicht hatte er sich zu viel erhofft.
Unweit ihres Aufenthaltsortes witterte sie eine kleine Gruppe von Rehen. Sie sah zu dem Rüden
hinter sich und instruierte ihn. „Wir nehmen diese dort.“ Als nächstes vollführte sie eine Bewegung
mit dem Kopf, die andeuten sollte, von wo er sich den Beutetieren nähern sollte. Nun sprang sie
eilig von ihrer Stelle und bezog Stellung. Die Graue veranlasste damit, dass sie sich der
überraschten Herde Rehe scherenartig näherten und sie nach vorn drängten. Einige Rehe hatten es
geschafft ihrer Schere zu entkommen, doch zwei oder drei flohen weiter geradeaus, direkt durch
den Wald. Dünne Baumstämme sausten an ihnen vorbei. Sie mussten immer wieder ausweichen,
was den Tieren jedoch nicht schwerfiel. Am Ende hatten sie eines vom Rest der Herde isoliert und
zu Fall gebracht. Was nun folgte, war für einen gekonnten Jäger gewissermaßen Routine. Mit einem
kräftigen Kehlbiss wirkte die junge Mutter der Beute die Luft ab, bis kein Bein mehr zuckte. Als die
beiden Wölfe neben dem erlegten Huftier standen, lag seinerseits die Erwartung in der Luft, sie
mochte sich zu den Umständen des Rudels äußern. Zu dem Wir und Du, dazu, an welcher Stelle er
sich befand und was er zu erwarten hatte – und was nicht. Doch da kam noch immer nichts. Fragend
betrachtete er sie, wie ihr grau-schwarzer Kopf nach unten ging, um dem Kadaver die Bauchhöhle
aufzureißen. Es roch nach frischem Blut. Anders als bei Artgenossen war der Geruch von Beuteblut
angenehm und stach nicht metallisch in der feinen Nase. Der braune Rüde verengte ein Auge zum
Schlitz. So recht vermochte er aus ihr nicht schlau zu werden. Sollte er sich am Ende in ihr
getäuscht haben? Sie war die Retterin seiner einzig verbliebenen Tochter. Er sollte ihr im Grunde
dankbar sein. Vielleicht war es ein Frevel, mehr zu erwarten.
„Wir nehmen uns die besten Stücke und verschwinden.“
Sie hatte bereits das Herz verspeist und zog an einem weiteren Organ. Seine Nasenflügel zuckten.
Es grenzte an Verschwendung, den Rest liegen zu lassen. Aber wenn sie Torbey holten, liefen sie
Gefahr, dass die Beute inzwischen von einem anderen Tier in Beschlag genommen worden war.
Und dann mussten sie ja auch wieder zurück zu ihrem Ort der Deckung. Und das alles mit den
Säuglingen im Schlepptau. Nein, sie mochte schon Recht haben. Es war das Einfachste, sie nahmen
etwas mit.
Der Rückweg gestaltete sich nicht kommunikativer, als es der Hinweg gewesen war. Ruhig trabten
sie hintereinander über den feuchten Waldboden. Obwohl der härteste Teil des Winters vorüber war,
ließ der Frühling dennoch auf sich warten. Keine warmen Sonnenstrahlen, nur vereinzelte
Frühblüher, die ein angenehmeres Wetter in entfernter Zukunft versprachen. Aber was scherte sie
das Morgen. Heute mussten sie überleben, alles andere ergab keinen Sinn.
Da sie es bisher nicht getan hatte, stimmte er nun auf dieses Thema an, dass ihm unter den Krallen
brannte.
„Du ... ich meine … Akhiva. Wie lange seid ihr eigentlich schon … na ja … ich meine, erst diesen
Winter, oder …?“
„Wer will das wissen?“, warf sie kühl zurück, sah aber nicht in sein Gesicht dabei, sondern lief
eisern voraus.
„Na … ich …?“ Dem Stimmklang nach war er unsicher, ob er etwas falsch gemacht hatte.
„Ich meine nur, weil … was ist es mit deinem … Gefährten, dass er … dass er in allem eine
Bedrohung sieht? Was für eine Laus ist ihm über die Leber gelaufen?“
Nun hielt sie an, die grau-weiße Wölfin mit den schwarzen Fellstellen auf der Oberseite.
„Das fragst du mich, nachdem deine Partnerin von den Menschen kaltgestellt wurde?“
Ihre Äußerung musste hart klingen für den gebrochenen Vater. Aber im Grunde hatte sie Recht,
wenn sie darauf anspielte, dass die Bedrohung echt war und jede Form der Vorsicht gerechtfertigt.
Trotzdem hakte er nochmals ein, lenkte sein Augenmerk auf den unsympathischen Alpha, dessen
Ohren nicht hören konnten, dass es um ihn ging.
„Schon. Nur sind dafür keine unserer Art verantwortlich. Er könnte mir ruhig etwas mehr vertrauen.
Er wollte mich ja kaum mit dir auf die Jagd gehen lassen. Fürchtet er, ich könnte dich … ihm
streitig machen?“
Ein abgehaktes Lachen Akhivas ließ ihn wissen, dass das schon von ihrer Seite scheitern würde,
zumal sie gerade erst Jungen in die Welt gesetzt hatte und die nächste Ranz erst in einem knappen
Jahr war.
„Ich weiß nicht, was du dir versprichst“, entgegnete sie mit einem starren Blick aus ihren blauen
Augen. „Aber du gehörst nicht zu unserer Familie. Du bist ein Außenseiter. Dein einziges Junges
trinkt meine Milch. Mehr kannst du nicht erwarten. Du bist ein Unterwürfiger, nicht mehr und nicht
weniger. Wenn die Zeit gekommen ist, trennen sich unsere Wege wieder. Du gehörst nicht zu uns.“
Er schnaufte. Vielleicht lag es an dem, was er durchgemacht hatte, dass er so sensibel war, doch bei
ihm schlug es hart auf. Akhiva hatte wieder umgedreht und setzte den Weg mit dem Organ in ihrer
Schnauze fort. Ja, offensichtlich hatte er sich wirklich getäuscht. In ihr eine Freundin zu sehen wäre
wohl nicht weniger naiv als von den Menschen so etwas wie Rücksicht zu erwarten. Dabei hatte sie
offenbar vergessen, dass er mitgekämpft hatte, als die Zweibeiner sie und die Jungen im
angreifbarsten Augenblick überfallen hatten.
So sehr die hübsche Graue auch hinter ihrem Partner stand, so wenig interessierte sie doch bei ihrer
Rückkehr sein armseliger Tobsuchtsanfall, den er über sie beide ergehen ließ, die sie es gewagt
hatten sich seiner Order zu widersetzen. Die Tatsache, dass sie ihm ein schmeckliches Organ
mitgebracht und vor seinen Pfoten abgelegt hatte, schien er dabei gekonnt zu ignorieren. Sturer
Kopf ging vor grummelnden Bauch.
Nicht nur obwohl, sondern gerade weil der Winter mehr Durchhaltevermögen besaß, als erhofft,
mussten die Wölfe stetig nach neuen Revieren suchen. Es war wohl erwähnenswert, dass sie dabei
weiterhin seltener auf bereits durch Artgenossen besetzte Territorien trafen als auf
Menschensiedlungen, die schon durch den stechenden Rauch aus ihren seltsamen Behausungen
auffielen. Es lag nicht in der Absicht der Grauen, den Revieren der Menschen all zu nahe zu
kommen, sondern viel mehr, Pfade durch die schützend wachsenden Bäume zu ziehen, deren nasse
Rinde schwarz war wie die Nacht. Es wäre jedoch dumm gewesen anzunehmen, die Menschen
mochten sie dort verschonen.
Die drei Erwachsenen liefen schnurgerade über schmale, ausgetrampelte Pfade, die sich durch das
Holz schlängelten. Doch mit einem Mal hielt der Braune, Ortûn, an und reckte die schwarze Nase in
den Wind.
„Riecht ihr das auch? Das ist … da … gibt’s …“
Er kam vom Wege ab und lief etwas weiter rechts. Nur die Fähe schenkte ihm eine knappen Blick
zurück, als er seinen eigenen Weg ging. Sie konnte sein Abweichen aber nicht lange ignorieren,
immerhin trug er – wie jeder von ihnen – ein Junges im Maul, besser gesagt zwei. Es waren ihre
Jungen, während sie beharrlich das seine mit sich schleppte. Es war wie ein Faustpfand, den er nicht
zurückbekam. Umso mehr empörte es ihren Blick, als der fremde Vater ihre Jungen auf dem Boden
abgelegt hatte, wo sie sich sogleich regten und zappelten, nach Wärme verlangten und hungrig oder
durstig die Mäuler aufrissen. Was tat der Rüde da? Die Graue sah kurz zu Torbey, der daraufhin
auch zum Stehen kam. Ortûn war an einer kleinen Birke angelangt, vor der ein saftiges Stück
Fleisch lag.
„Seht ihr? Riecht ihr?! Fleisch!“
Der andre Rüde rollte gut sichtbar mit den Augen, Akhiva ächzte.
„Nimm meine Kleinen wieder hoch. Sie dürfen sich nicht unterkühlen.“
Ortûn aber schien blind und taub für ihre Signale. „Na los doch … das ist unsere Gelegenheit –
Aas.“
„Bist du verrückt?“, zischte die Fähe, während ihr Partner die Jungen nun ebenso ablegte und auf
ihn zuschritt.
„Du glaubst also, das sei leichte Beute?“, grollte er mit tiefer Stimme. Er ging in geduckter Stellung
auf ihn, es blitzte in seinen schattigen Augen. Das schwarze Fell ging verdächtig mit dem Wind.
Akhiva mischte sich ein. „Das ist eine Falle. Du solltest das doch wissen.“
„A-aber“, erwiderte er, „hier ist nichts … kein Menschengeruch, kein Metall. Das stammt von
einem anderen Räuber, denke ich …“
Der Schwarze knurrte verächtlich. „Denkst du …“
Der Braune nickte zuversichtlich, doch sein heiteres Grinsen hatte sich im Nichts aufgelöst. Aus der
Nummer kam er nicht so einfach wieder heraus.
„Dann los, nur zu.“ Das Gönnerhafte in Torbeys Gesicht war fast so falsch wie das Tun der
Menschen. Es war, als war er ihre wölfische Verkörperung, zumindest in diesem Augenblick.
„Friss, mutiger Ortûn. Zeig's uns. Zeig uns, dass das keine Falle ist.“
Verunsichert sah der Braune zwischen dem Fleisch und dem finsteren Gesicht des anderen Vaters
hin und her. Es musste ihn stutzig machen. Er war sich seiner Sache offenbar sicher. Im Grunde gab
es nur zwei Möglichkeiten: Entweder war dies wirklich eine willkommene Beute und sie konnten
sich einmal die Mägen vollschlagen ohne etwas dafür tun zu müssen, oder der Kerl hatte Recht und
es blies ihm alle Lichter aus. Wollte er es riskieren, nur um Recht zu haben, nur um es dem
unsympathischen Widersacher zu zeigen?
„Ich …“
„Ja was denn? Keinen Hunger mehr?!“
Die Fähe stöhnte. Sie hasste es, dass ihre Jungen dies nun ausbaden mussten. Sie waren von den
beiden heldenhaften Vätern einfach auf den kalten Boden gelegt worden wie Beutefleisch,
zappelten nach den warmen Körpern ihre Eltern und verstanden nicht, was los war. Dahingegen war
der Auftritt dieser Zwei mehr so etwas wie das Buhlen brünftiger Hirschbullen.
„Friss es!“, befahl Torbey mit stählerner Stimme und eisigem Blick. So sehr der Braune es auch
versuchte, er konnte erste Anzeichen von Verunsicherung und Angst nicht verbergen.
„Wir … können auch was anderes suchen, schon gut …“ Doch sein Versuch, sich aus der Affäre zu
stehlen, fruchtete nicht.
„Du hast uns empfohlen, dieses Fleisch zu fressen. Also steh dazu und hau rein!“
„Lasst's gut sein“, intervenierte die graue Wölfin und wies mit dem Blick nach vorn, auf dass sie
weitergingen. Aber ihr starrköpfiger Weggefährte ließ nicht locker.
„Du frisst dieses Fleisch – jetzt!“ Der Klang seiner Stimme ließ keine Zweifel offen, dass er es ernst
meinte. Er wollte ihn dafür bestrafen, so naiv gewesen zu sein. Er nahm seinen Tod in Kauf.
„Nein …“ Ortûn weigerte sich mit einer Geste und trat einen Schritt zurück. Der Schwarze machte
sogleich einen auf ihn zu und wiederholte seine Einladung zum Essen.
„Friss!“
Jetzt langte es der jungen Mutter endgültig. Auch sie hatte die kleine Welpin – Talejhachen – nun
abgelegt und sprang zwischen die beiden Zankhähne.
„Schluss jetzt! Wir gehen jetzt weiter! Nehmt die Kleinen und los!“
In diesem Moment, in dem der schlanke Leib der Fähe wie eine unüberwindbare oder besser noch,
unantastbare Mauer zwischen den beiden geladenen Gemütern wirkte, war es wieder, als lag eine
Glocke des Schutzes über dem Braunpelz. Hatte sie vor kurzem noch betont, dass er nur ein
Unterworfener war, der nicht dazugehörte, so war sie nun wieder seine Lebensretterin. Selbst wenn
er sich geweigert hätte das Fleisch zu fressen, die Gefahr, dass es zu einem Kampf gekommen wäre,
hatte greifbar bestanden. Nun beruhigte sich der Rhythmus der beiden Rüdenbrustkästen wieder,
nachdem der graue Leib der Mutterwölfin ihre scharfen Blick getrennt hatte. Unzufrieden aber doch
einsichtig trat ihr Gefährte ab und las die hilflosen Säuglinge wieder auf. Sie tat es ihm gleich und
nahm die kleine Ortûntochter ins Maul. Als letztes folgte auch der sichtlich erleichterte Rüde, der
dem verhängnisvollen Fleisch noch einen letzten Blick zuwarf. Es war eine Lehre, die er wohl so
schnell nicht vergessen würde.
Der Frieden aber währte nicht lange. Akhiva hatte in einer kleinen, steinernen Höhle unter einem
großen Felsen gewartet und die Jungen gewärmt. Sie hatte gewartet, auf dass die beiden Männchen
frisches Fleisch von der Jagd zurückbrachten. Doch als zunächst Torbey zurück auf den Platz vor
der Höhle trat – in seinem Gesicht stand ein Unwetter unangenehmen Ausmaßes – war ihr klar, dass
es mit der Beute nicht weit her war und dass ihr Körper zum Produzieren weiterer Milch auf bereits
vorhandene Reserven zurückgreifen musste, wieder einmal. Erst ein paar Augenblicke später
schleppte sich auch der blutende Braunpelz auf die freie Fläche, die zwischen Bäumen und Felsen
lag. Seine Fellhaare waren blutverklebt, seine Zunge hing heraus. Es konnten nicht die Menschen
gewesen sein, andernfalls wären sie mit großer Wahrscheinlichkeit gar nicht zurückgekehrt.
Fragend sah sie auf und rückte die Kleinen dichter, schützend an sich. Sie hörte das Grummeln,
Knurren und Murmeln aus dem Fang ihres Rüden. Er schien sich zu beklagen, zu schimpfen …
über ihn. Die Zwei gaben ein ungleiches Bild ab. Dennoch stand ein fragevoller Blick in ihrem
Gesicht. Sie musste die Stimme nicht bemühen, um Gewissheit zu erlangen.
„Dieser Kerl ist ein Nichtsnutz, ein Tunichtgut. Der kann einen Hasen nicht von einem Hirsch
unterscheiden und fällt beim Jagen über seine eigenen Pfoten.“
Akhiva hätte wohl lachen können, wäre seine Klage nicht so unglaubwürdig ausgefallen. Sie war
nicht dabei gewesen, doch als er mit ihr gejagt hatte, war er über keine seiner vier Pfoten gestolpert.
Vielleicht war es sein Dickkopf, an den er geraten war, es wäre zumindest denkbar. Während sich
Ortûn erschöpft auf die Hinterhand setzte und seine Wunden zu lecken begann, baute sich der
schwarze Wolf vor ihr auf und berichtete voller Empörung.
„Gegen den Wind … ge-gen! Das weiß jeder Welpe, nur der da nicht.“ Er schüttelte sich und seine
Schnauze stand schäumend über dem Boden. „Generationen von Paarhufern werden sich noch über
diese ,Jagd' lustig machen. Dieser Kerl ist eine Schande für die Wolfheit …“ Jetzt trat Schalk in
seine Miene, als er ergänzte. „Aber was erwarte ich von einem Kauz, der nicht im Stande war seine
eigene Partnerin zu schützen.“ Er lachte voller Ironie einmal auf, doch da knurrte es aus der anderen
Ecke. Das ließ sich der Braune nicht gefallen.
„Jeder kann mal eine Jagd vermasseln, außerdem hat der Wind gedreht, das war nicht mei-“
„Sei still! Meine Gefährtin säugt Junge, da können wir es uns nicht leisten irgendetwas zu
vermasseln, hast du verstanden?!“
Aber er hörte dem erregten Schwarzen gar nicht mehr zu, sondern stand stattdessen auf und lief
schnurstracks auf die Höhlenöffnung zu.
Er murmelte voller Verbitterung. „Ich … will jetzt … mein Talejhachen … will sie …“ Aber als er
dem Höhlenschlund bis auf eine Wolfslänge nahe gekommen war, da entblößte die bis eben eher
passiv aufgetretene Wölfin ihr Gebiss und hielt ihn auf Abstand. Abrupt hielt er an und blickte
erschrocken drein.
„Ich … ich will meine Tochter.“
„Sie schläft, bleib weg“, entgegnete die weibliche Stimme.
Der Vaterwolf knurrte von Verzweiflung heimgesucht. „Gib … mir meine … Kleine …!“
Sie bleckte erneut die Zähne. Nun drang auch das erste Knurren von hinten in seine Ohren.
„Gib sie mir!“, bellte Ortûn so böse er konnte. Aber hier machte er niemandem Angst – außer den
Kleinen und damit auch seiner eigenen Tochter, die bis jetzt nur die warme Brust der Wölfin kennen
gelernt hatte … und damit ihren Geruch. Für sie war er wohl ein Fremder, dabei entsprang sie
seinem Samen. Als der Rüde einen weiteren Schritt vortrat und Anstalten machte, sie sich zu holen,
stand sie halb auf und verstärkte ihre Drohung. Doch was viel entscheidender war, kam von hinten.
Mit einem wütenden Torbey war nicht zu spaßen, das hatte er doch eben schon am eigenen Leib
erfahren müssen. Es war die schiere Verzweiflung eines gebrochenen Vaters, die Ortûn dieses
Wagnis eingehen ließ. Er drehte sich nach hinten und schnappte neben die schwarze Schnauze. Das
ging zu weit. Der kräftigere Rüde warf den Braunen zu Boden und tat ihm empfindlich weh. Das
Jaulen des Vaters tat der kleinen Talejha sicher in den Ohren weh, doch sie ahnte nichts. Das
Retterrudel wurde für den angeschlagenen Wolf zur Heimtücke.
Nachdem Torbey ihm eine schmerzhafte Lektion gezeigt hatte, ließ er physisch erst einmal von ihm
ab und drohte mit einem tiefen Grollen.
„Geh!“ Er leckte sich das Maul, die Ohren deuteten nach vorn auf seine Schnauze. „Verschwinde.
Du bist ausgestoßen!“
Langsam rappelte sich der Verlierer dieses kurzen Wettstreits auf, in seinem Gesicht stand eine
Mischung aus Entsetzen und Angst. „Das … könnt ihr nicht machen.“ Diese Äußerung war hinfällig
und nur zu seiner eigenen, trügerischen Ruhigstellung gedacht.
„Ihr … ihr könnt mir nicht … ihr könnt sie mir nicht wegnehmen … das … könnt ihr nicht tun.“
Und da war er wieder. Der starre, kalte Leichenblick aus Akhivas blauen Augen. Ach, wäre sie doch
nur tot, wären sie doch beide tot. So brauchte er sich seine Kleine nur zu nehmen …
„Akhiva!“, zischte der Verstoßene, dass es ihrem Begleiter ein erneutes Knurren abverlangte. „Gib
mir meine Tochter zurück. Sie ist mein und du weißt es!“
Aber ihr entglitt nur eine sachte, kaum wahrnehmbare Geste der Ablehnung. Ortûns verzweifelte
Stimme bellte daher erneut, dass ihre empfindlichen Trommelfelle erbeben ließ.
„Gib sie mir!“
Sie verneinte ein weiteres Mal und gab so leise Antwort, als ging es um etwas ganz Simples,
Unbedeutendes.
„Nein. Ihre Chance ist hier, nicht bei dir.“ Man konnte sie durchatmen hören. „Du bist verloren …
sie wird nicht mit dir gehen.“
Er schnaufte ein weiteres Mal von Unverständnis eingeholt, die Lefze zuckte. Sein Blick hing starr
an ihrem, er versuchte so etwas wie Ironie auszumachen, irgendein Anzeichen, dass sie es nicht so
meinte, dass sie ihm noch eine Chance gab. Doch sie gab sich als eiskalte Welpendiebin zu
erkennen, die ihm alles nahm, was seinem Leben noch einen Sinn gegeben hatte. Und zwischen ihm
und seiner Tochter stand er – Torbey – Berg von einem Wolf, der ihm kein Passieren gestattete,
dessen schäumendes Maul wie das Brodeln eines dem Ausbruch nahen Vulkans entsprach.
„Lüge! Das ist eine Lüge! Tal-“ Er hatte unwillkürlich einen Schritt an sie heran getan und erntete
sogleich eine deutlichere Drohung seitens des schwarzen Berges. „Talejhachen braucht ihren Vater.
Sie … braucht mich. Ihr … das … könnt ihr nicht tun … bitte … nicht.“
Doch obwohl sich sein Schimpfen in ein wehleidiges Klagen verwandelt hatte, so blieben die
Mienen der beiden Rudelwölfe dennoch hart, unnachgiebig, fest. Sie würden ihm nicht geben, was
er so sehr verlangte. Also stand er nun da, mit bebendem Maul, aus dem kleine Dunstwölkchen
aufstiegen.
„Du gehst jetzt besser“, legte er noch einmal mit bedrohlichem Stimmklang nach.
„Ihr … das … ihr …“ So sehr sich Ortûn aber auch mühte, etwas Bedrohliches in seine Äußerung
zu legen, es gelang ihm nicht. Also drehte er ab, verlor dabei sein Gesicht, denn er tat das
Schlimmste, was ein Vater nur tun konnte: Er gab sein einziges verbliebenes Junges auf. Er ließ es
in den Fängen derer, die ihn so schändlich verraten hatten.
„Das … werdet ihr bereuen“, winselte er mehr, während seine gedrückte Gestalt zwischen starren
Bäumen abtauchte. „Sollen euch die Menschen … euren Pelz über die Ohren ziehen … bei
lebendigem Leib! Euch und euren Bälgern!“
Obgleich Akhivas Rüde ein Knurren für seine lächerlichen Drohungen übrig haben mochten, für die
Graue waren seine Äußerungen wenig angsteinflößend. Sie widmete sich stattdessen wieder den
Kleinen und leckte ihnen den flaumigen Pelz.
Erst als Torbey zu ihr schoss und die kleine Braune aufschnappte – Talejha – wurde sie in echte
Alarmbereitschaft versetzt.
„Was hast du vor?“, fiepte sie voller Entsetzen.
„Dieser kleine Bastard gehört nicht zu uns“, knurrte er und ließ ihren kleinen Körper, der dennoch
größer war als der ihrer eigenen Jungen, zwischen seinen Zähnen baumeln. Am Kopf trug er sie,
nicht so, wie es der mitfühlende Blick einer säugenden Mutter ertragen hätte.
„Tu ihr nicht weh!“, winselte sie und schluckte. Aber Torbey zeigte sich ohne Gnade. Der Rüde
schleuderte das kleine Geschöpf rücksichtslos auf den Boden und ging dazu über, ihren kleinen
Körper in Stücke zu teilen.
„Nein Torbey, tu's nicht!“
„Er wird nie Ruhe geben, solange sie lebt. Und sie soll keinen Tropfen Milch schlucken, der
unseren Jungen zusteht!“
Aber die Fähe zögerte nicht länger, sondern sprang so schnell es ging auf und stieß ihn unsanft weg.
Der erzürnte Vater aber war nicht gewillt Schonung walten zu lassen. Er drückte seine Zähne kräftig
in ihr Fleisch und schleuderte sie von sich weg. Akhivas Körper fiel unsanft auf den harten Boden.
Augenblicklich jedoch schoss er wieder nach oben, um dem Rüden nicht die Gelegenheit geben,
ihre erzwungene Auszeit zum Töten der Kleinen zu nutzen. Sie schnappte blitzschnell nach der
braunen Welpin, um sie zurück in die kleinen Höhle zu tragen, wo sie sie unter die übrigen Jungen
mischte und in ihrem dichten Fell vergrub.
„Warum tust du das?!“, fauchte er fassungslos.
„Kein Junges wird sterben, das lasse ich nicht zu.“
„Unsinn!“, raunte er. Aber schon bei seinem ersten Schritt auf sie zu ertönte ein bittere Grollen aus
ihrer Kehle. Sie würde all ihre Kräfte opfern, um den Wurf zu verteidigen, ungeachtet des Blutes,
dem sie angehörten.
„Wenn du das tust“, drohte sie, „musst du dir eine neue Gefährtin suchen. Mit mir nicht …“
Er äußerte seinen Trotz, trat dann aber geschlagen ab. Nur einmal noch hielt er an und sah auf sie,
obwohl sie mit dem Rücken zur Höhlenöffnung lag.
„Morgen spätestens müssen wir weiterziehen. Wir dürfen nicht riskieren, dass dieser Wahnsinnige
die Zweibeiner zu uns lockt. Der Kerl ist ein Risiko.“
„Das wird er nicht“, hauchte sie leise und entkräftet. „Es wäre auch sein eigenes Junges, das er
damit in den Tod treibt.“
Vor diesem Hintergrund stand die kleine Talejha, fremd in einem anderen Rudel, für die jungen
Eltern am Ende vielleicht sogar als eine Art Rückversicherung da, die es ihrem zornigen Vater
verbot, die Fremden zu verraten, so sehr sein verbittertes Herz auch danach verlangte, sie krepieren
zu sehen.
Thema: Kapitel XI – Unsichtbare Gefahr
Forum: Das Tal

Gerade glaubte sie ihren „Fang“ sicher, da wurde sie von einer ihr nicht unbekannten Rüdenstimme , die selten ernst klingen konnte, überrascht. Takata drehte sich mit einem knappen Zucken zurück. Musste sich dieser Vogel so anschleichen? Sie hatte die Situation bestens im Griff. Warum schien ihr niemand in diesem Rudel mehr etwas zuzutrauen? Hatte er etwa auch geglaubt, sie war dabei mit diesem fremden Kerl ein Komplott zu schüren, das ihnen die Rudelherrschaft bescheren sollte? Dann war er aber falsch gewickelt. Die Weiße zischte laut und schlich sich um Niyol herum, dem sie fortan keine weiteren Blicke mehr schenkte.
Dabei war es wirklich interessant gewesen zu sehen, wie der fremde Rüde, der immer noch roch wie ein Pilz, der schon zu lange stand, ganz nervös geworden war. Er hatte sich ertappt gefühlt, so wie sie ihrerseits nun durch den Grauen. Auch wenn der nun hier war und alles platzen ließ, fragte sie sich insgeheim, was der junge Kerl im Schilde führte. Plante er etwas gegen sie? Hegte er „tiharsche“ Ambitionen? Dann wollte sie die schnellstmöglich aufdecken und weitergeben. Sie hatte doch versichert, dass es nie wieder so weit kommen würde und daran hielt sie sich auch.
Auf Niyols Einwand nickte sie kaum sichtbar und lief bereits langsam los. Sie hatte sich aber vorgenommen nicht mit den beiden direkt mitzugehen, sondern separat, auf Distanz. Es musste schrecklich albern wirken, wenn es zwei alteingesessene Wölfe brauchte, um einen verlorengegangenen Jungspund wieder einzufangen. Wenn ihm die Kennenlernphase des Rudels nicht passte, lag doch der Verdacht nahe, dass er andere Absichten verfolgte. Merkte dieser Niyol das denn nicht? In Momenten wie diesen schien der Wolf nicht von diesem Stern.

Mit geradezu kindlichem Engagement hatte sie den Weg zurück zu den anderen verfolgt, so das sie eine Spur eher da war als die zwei Rüden. Sie blieb nicht sofort stehen, sondern ging noch etas weiter, um direkt zu Skadi zu marschieren. Diese war jedoch nicht auszumachen. Stattdessen sah sie Shiro, der sie aus dem Weg ging, als drohte ein Floh aus ihrem Pelz zu ihr zu springen, gleichsam bei Zita, die mit Pilgrim am Wasser stand und offenbar nicht mitbekam, was um sie herum passierte. Nur drei neue Wölfe waren noch hier, deren Namen sie nicht wusste – zwei weiße Fähen und ein schwarzer Rüde. Auch ihnen schenkte sie nur einen kurzen Blick, lief dann aber bis zum Ende durch und blieb dort stehen, um einen ratlosen Blick zurück zu werfen. Wollte Niyol seine Späße mit ihr treiben? Was auch immer er sich dabei dachte, sie fand es nicht amüsant. Also drehte sie sich einmal im Halbkreis um, stellte sich erwartungsvoll auf und warf fragende wie auch fordernde Blicke in Richtung des Grauen, wenn er gleich hier sein würde.

( erst mit Niyol & Kachnik am Mondscheinsee, anderes Ufer - dann bei Shiro, Zita, Pilgrim, Ayjana, Roghir & Aarinath beim Mondscheinsee )
Thema: Ombre Obscure
Forum: Kreatives Pfötchen

Die Drei hatten einen Hang erreicht, an dessen Fuße eine große, leere Mulde lag, in der sie standen.
Aus dem Erdwall lugte ein äußert großes, rostiges Rohr, das seine Schwärze wie ein offenes Maul
präsentierte. Abschätzend sah die trächtige Fähe auf das Ding mit dem Welpen im Maul. Sie legte
die winzig kleine Fähe ab und sprang anschließend zielsicher in die Öffnung, um das Ganze zu
untersuchen.
„Sei vorsichtig“, bellte ihr Begleiter mit einem ängstlichen Blick nach oben.
Kurz sah sie zurück, als wollte ihr Blick fragen, um wen er sich denn fürchtete, um sie oder um
seine Jungen. Der Braune unterdessen nahm zum ersten Mal Körperkontakt mit der kleinen Tochter
auf und leckte sie vorsichtig ab. Sie brauchte Wärme, denn nur die kleinste Unterkühlung konnte
den Tod eines so zerbrechlichen Geschöpfs bedeuten. Nachdem Akhiva ihren Leib einmal gewendet
hatte, sodass sie nun mit dem Kopf aus der Öffnung herausgucken konnte, befahl sie dem fremden
Rüden, ihr die Kleine zu geben. Dies tat er nach kurzem Zögern.
„Was soll das werden?“, fragte ihr unwissender Begleiter sie und knurrte den anderen Rüden an,
doch eigentlich galt sein Zorn ihr.
Akhiva ließ verlautbaren. „Wir bleiben hier, bis unser Nachwuchs groß genug ist um umzuziehen.“
Unzufrieden schnaufend sah Torbey auf Ortûn. Es fiel ihm schwer einzusehen, dass er in Bezug auf
den Wurf und die Welpen wenig zu vermelden hatte. Doch er hatte schon von seinen Eltern zu
hören bekommen, insbesondere von seinem Vater, dass es bei ihnen nicht anders gewesen war. Die
Fähe zog sich in den Wurfkessel zurück und duldete nichts und niemanden, schon gar nicht den
Vater. Seine Aufgabe bestand nun darin, sie mit Nahrung zu versorgen und andere Wölfe vom Bau
fernzuhalten. Da gab es hier nur einen, doch der bekam die geballte Ladung Unzufriedenheit genau
ins Gesicht.
„Los, ab mit dir. Zwei Hasen reichen nicht. Zeig mir, wo die richtig fette Beute ist. Los, marsch
marsch!“
Es brauchte nicht mehr lange und die Geburt der kleinen Wölfe stand bevor. Das Jaulen und
Winseln der gebärenden Fähe tat den beiden Rüden nicht nur geringfügig in den Ohren weh, vor
allem mussten sie befürchten, dass eventuelle Feinde – und das konnten eigentlich nur die
Menschen sein – auf sie aufmerksam wurden. Immerhin waren schon drei Welpen zur Welt
gekommen. Doch Akhiva spürte, dass noch ein Junges nach draußen wollte. Sie leckte die kleinen
Wölfe sorgfältig ab und trennte die Nabelschnur von den winzigen Körpern. Gebannt starrten die
beiden Väter auf die klaffende Öffnung des Rohrs, das für die Graue als Geburtskessel herhalten
musste. Sie konnten nur schwer nachvollziehen, welche Strapazen die Kanidin durchmachte, aber
ihrem angestrengten Hecheln, den geweiteten Augen und der Schlaffheit ihrer Gliedmaßen nach,
musste sie schwer Erträgliches durchmachen.
Ortûn zuckte mit dem linken Ohr und neigte den Kopf leicht zur Seite. Ihm war, als hatte er ein
Geräusch gehört. Fürs Erste ignorierte er diesen Reiz und sah wieder gespannt auf die Fähe mit den
Kleinen. Er dachte daran, dass es seiner Gefährtin nicht anders ergangen wäre, hätte das Schicksal
ihnen nicht einen Strich durch die Rechnung gemacht. Seine kleine Tochter verschlief das
Prozedere, dass die Erwachsenen mit so viel Anteilnahme verfolgten. Während Torbey einige
Schritte näher trat, um seinen Nachwuchs in Augenschein zu nehmen, wurde sich der Braune nun
immer sicherer, dass sie hier nicht länger allein waren. Also drehte er um und ging einige
Wolfslängen auf den umgebenden Wald zu, um nach dem Verursacher der Geräusche zu sehen.
Dunkle Vögel schossen von den kahlen Ästen auf und ließen einige ihrer Federn herabsegeln. Sie
traten auf wie die Boten einer dunklen Prophezeiung, als Ortûn klar wurde, dass sich zu den
Schrittgeräuschen in der Ferne, die so voller Kraft und Unnachgiebigkeit waren, man konnte von
einem rücksichtslosen Stampfen sprechen, der unverwechselbare Geruch der Menschen gesellte.
Sein Gesicht nahm blitzartig den Ausdruck eines zutiefst erschrockenen und um sein Leben
fürchtenden wilden Tieres an, das nicht sterben wollte.
„I-i-ich glaube …“, begann er verunsichert und trippelte langsam einige Schrittchen rückwärts, den
Kopf leicht in Richtung der übrigen Wölfe geneigt. „D-da … Menschen … ich kann sie wittern –
hören.“
Da Torbey nicht reagierte, lief er nun langsam zurück zum Platz vor der Rohröffnung und wandte
sich an den kräftigen Schwarzen mit dem mittellangen Fell.
„Menschen! Sie sind hier in der Nähe!“
„So ein Unsinn. Halt die Klappe jetzt!“, heischte der Rüde ihn an und lenkte den Blick wieder von
Euphorie und Erwartung geprägt auf seine Wölfin.
Ortûn sah noch einmal zurück, trat aber nicht mehr von der Stelle. Es war, als musste er sich selbst
erst vergewissern, bevor erneut wagte, den werdenden Vater in seiner Freude zu stören.
„D-doch … ganz sicher. Sie … kommen näher.“
Obgleich das Jaulen der Grauen nicht mehr sehr laut war, so veranlassten sie die anhaltenden
physischen Schmerzen doch noch immer zu einem gequälten Winseln. Sie kannte das Gebären
bislang nicht, sondern wurde zum ersten Mal Mutter.
„Ich habe dir befohlen still zu sein, Rüde!“
„Aber … da kommen Menschen … ich meine … das könnte Gefahr bedeuten. Ich … ich weiß …
was passieren kann. Ich habe es selber miterlebt.“
Genervt und leicht reizbar knurrte der Schwarze ihn an. „Und was sollen wir deiner Meinung nach
tun?“ Die Frage war rhetorischen Ursprungs, denn er hatte nicht vor, seinen Rat anzunehmen. Viel
mehr wollte er ihm die Alternativlosigkeit dieses Augenblicks klar machen, denn Torbey hatte
sicher nicht vor, seine stolze Gefährtin und seinen so heiß ersehnten Nachwuchs zurückzulassen.
„Wir müssen weg“, gab Ortûn ungeachtet zurück und sah nochmals zurück.
„Weg?!“, bellte der Rüde mit den gelben Augen laut, dass es die Jungen erschrocken hätte, wären
sie schon im Stande gewesen zu hören. „Ich weiß nicht, ob es dir aufgefallen ist, aber Akhiva gebärt
gerade!“
„D-doch, das ist … sie kommen! Oh nein sie kommen!“
Jetzt spätestens konnte auch Torbey die Schritte hören, diese unverwechselbaren Laute der
Menschen. Gefahr … Sein Blick schnellte verstört in Richtung des Waldes. Er mochte nicht
wahrhaben, dass sie es wagten, diesen Moment nachhaltig zu stören. Die Möglichkeit, zu sterben,
oder viel schlimmer noch Akhiva und seine Jungen sterben zu sehen, kam ihm erst später in den
Sinn und trieb ihn unweigerlich in felsenfeste Entschlossenheit. Er tat einen Satz vor hin zur
Öffnung und fragte mit sanftester Stimme, um sie nicht zu verschrecken.
„Akhiva … kannst du … laufen? Ich fürchte wir müssen uns einen anderen Ort suchen …“
Der Kopf der hübschen Fähe lag matt auf dem rostigen Metall. Sie hatte die kleinen nassen
Kreaturen abgeleckt und dicht an ihren Bauch geschoben, wo sie sogleich nach den geschwollenen
Zitzen suchen sollten.
„Aus...geschlossen“, hauchte sie entkräftet und Torbey hatte so eine Antwort erwartet.
„Ich weiß, das ist jetzt ein denkbar ungünstiger Augenblick … aber ich will euch nicht verlieren.“
Ortûn nervte mit einem weiteren „sie kommen“ und veranlasste den frischen Vater zu einem
gereizten Rutenschlag, auf dass er doch einfach still sein mochte … auf dass er die Unwahrheit von
sich gab und alles nur ein böser Traum war … Menschen … jetzt.
Akhiva stieß heiße Luft aus, die einen seltsamen Geschmack barg, der Torbey wie nichts anderes
deutlich machte, wie unerträglich die Situation für seine müde Gefährtin sein musste. Er konnte
Blut sehen, die Mitgeburt. Doch jetzt trat die Entschlossenheit zu Tage, die keine Rücksicht auf
Liebe nahm.
„Akhiva, du musst! Steh auf. Wir gehen fort.“
„Nein“, hauchte sie ebenso entschlossen. Sicher mochte sie nicht glauben, dass das sein Ernst war.
Sie beide wussten, dass es im Grunde nur ein Ende geben konnte: den sicheren Tod für Akhiva und
die Kleinen. Denn sie waren absolut wehrlos. Es gab nur zwei Alternativen. Die eine war, die
Menschen verzichteten dieses Mal auf ihre Möglichkeit, die Wölfe zu töten, doch darauf wollte er
sich bei diesen unberechenbaren Geschöpfen nicht verlassen oder … doch auch das war wider der
Natur. Er kaute auf seiner Zunge herum. Eine unbeschreibliche Anspannung lag auf seinen
Gliedern, die Muskeln zum Zerreißen gespannt. Als sich Akhiva das nächste Mal äußerte, stand sein
Entschluss fest.
„Geht … lass mich … du wirst … neue Junge zeugen … mit einer … Anderen.“
Damit folgte sie dem Lauf der Natur. Doch obgleich das der normale Weg war, den das Schicksal
nahm, so tat es ihr doch im Innersten weh, das zu äußern und dabei einzugestehen, dass ein Rüde
mehr Chancen hatte als sie, der er jederzeit problemlos zeugen konnte, während sie, die Fähen,
verpflichtet waren, so viel mehr zu geben, um die Wolfheit am Leben zu halten.
Torbey setzte seinen kräftigen Leib ruckartig in Bewegung und verließ die Stelle vor dem Rohr.
„Du gehst dort lang“, befahl er dem anderen Rüden und deutete mit der breiten Schnauze nach
rechts, von ihr aus gesehen, während er geschwind nach links lief.
„A-aber …“ Unsicher sah Ortûn auf die hilflose Wölfin in dem Rohr. Seine einzige überlebende
Tochter sollte nun auch sterben? Es war unbegreiflich. Torbey hatte sich längst entfernt. Dieser
Rüde schien so eiskalt und entschlossen in seinem Tun, dass er gar nicht darüber nachdachte,
sondern seine stolze Gefährtin mir nichts dir nichts samt dem Nachwuchs den Menschen überließ.
Gern hätte er gewusst, ob sie wirklich so gnadenlos waren, eine wehrlose Fähe nach dem
anstrengenden Akt der Geburt umzubringen, zusammen mit ihrem tauben und blinden Nachwuchs –
und seinem. Aber allein der Gedanke, sie alle für seine Neugier zu opfern, ließ ihn Verachtung für
sich selbst aufkommen. Er wollte es nicht herausfinden!
Es brauchte nicht mehr lang' und die beiden Zweibeiner hatten den Ort des Geschehens erreicht. Sie
waren bewaffnet und ihr Blick fiel auf das graue Wesen in dem schattigen Rohr. Die Stimmen der
Menschen ließen Akhiva zusammenzucken. Doch sie war zu schwach um wirklich Todesangst zu
empfinden. Die Wölfin kniff die Augen fest zusammen, drückte die kleinen, sich regenden
Körperchen fest an ihre Zitzen und wartete darauf, zu erfahren, was Sterben hieß.
In dem Moment, als ein unnatürliches Klacken ertönte, folgte ein kurzes wie kräftiges
Herbeistapfen, das nur von einem Vierbeiner herrühren konnte. Torbeys schwerer Leib schoss
zielsicher auf den Menschen, der dem Rohr am nächsten stand und womöglich dabei war, seinen
Stolz auszulöschen. Ohne zu zögern rammte er sein kräftiges Gebiss in eine der Extremitäten des
männlichen Menschen und sorgte so dafür, dass er schwach zu Boden fiel. Nun war es ein Leichtes
ihm die Kehle zu zerfetzen und den Ort mit menschlichem Blut zu tränken. Jegliche Unsicherheit,
jegliches Widerstreben in seinem Innern drängte er beiseite. Er verstieß gegen eine uralte Regel der
Wolfheit, die einem jeden gesunden Geschöpf verbot, sich mit den gnadenlosen Zweibeinern
anzulegen. Der Wille zu überleben wog stärker als der, für einen anderen Wolf alles zu riskieren –
auch für den eigenen Nachwuchs. Doch vielleicht war er ja nicht normal. Vielleicht hatten die
Umstände, hatten die Menschen ihn so abnormal werden lassen. Sie trieben sie dazu, gegen ihre
Natur zu handeln, um nicht für immer die Bühne des Lebens verlassen zu müssen.
Blitzartig ging Torbey zum zweiten Menschen über und schnappte wie ein tollwütiger Räuber nach
dessen Bein. Aber der Mensch, der vor Panik schrie, wich aus. Er hatte mehr Glück als Geschick,
denn Menschen waren in jeder Art physischen Wettstreits unterlegen … langsamer, schwächer und
auch sonst schnell verunsichert, wie er nun feststellte. Er war dabei eine Mauer zu durchbrechen,
die wohl noch jeder Wolf bisher für undurchdringbar gehalten hatte. Doch während er diesen
Durchstoß tat, merkte er nicht, dass er dabei war – wie es die Bestimmung des Natürlichen war –
durch sein torhaftes Vorgehen sterben zu müssen. Der am Boden liegende Mensch hatte seinen
Schmerzenslaute unterbrochen und griff zu seinem Hilfsmittel, um ihn, den reißenden Wolf,
unschädlich zu machen. Es mochte den Schwarzen trösten, dass seine Gefährtin und die Kleinen für
diesen Moment aus der Gefahrenzone waren. Aber wenn er diesen Kampf verlor, würde sie bittere
Rache zu spüren bekommen. Denn Rache war das Treibmittel der Menschen, das wussten sie alle.
Es war dieser Moment, der über sein Leben und Sterben entschied – und damit auch das seiner
Familie – der alles anders kommen ließ. Ein zweiter Leib donnerte mit trommelnden Läufen auf den
Platz und verhinderte Torbeys sicheren Tod. Der braune Wolf hatte sich seiner Anweisung
widersetzt und war zurückgekehrt. Wie von einem Wahn ergriffen schlug der Braune seine langen
Reißzähne in das empfindliche, felllose Fleisch des Menschen auf dem Boden und förderte weiteres
Primatenblut zu Tage. Nie hätte er es zugegeben, doch in seinem tiefsten Innern bewunderte er den
„Unterworfenen“ für seine Entschlossenheit, die er ihm nie zugetraut hatte. Es war vielleicht das
erste Mal, dass er seiner Wut und Verzweiflung nach dem Tod Ortûns Gefährtin ernsthaft Glauben
schenkte, denn nichts anderes konnte es sein, dass ihn zu so viel Entschlusskraft und Wahnsinn
antrieb, dass er es wagte. Der erste Mensch nahm Reißaus und auch der Zweite versuchte
aufzustehen. Er hätte vielleicht sein Hilfsmittel genommen, doch die Tatsache, dass der schwarze
Rüde über ihm stand, ließ ihn von dem Gedanken Abstand nehmen. Ohne irgendeine Form der
Absprache herrschte zwischen den Rüden Einigkeit, den Menschen ziehen zu lassen. Der Anblick
allein, dass es dieses Mal die Zweibeiner waren, die flohen, war Lohn genug … und natürlich der
Fakt, dass sie dieses Mal nicht das Opfer waren, sondern ihre Leben behielten …
Hechelnd standen die beiden Wölfe vor dem Rohr. Sie mochten wohl kaum glauben, was sie soeben
getan hatten. Eine bunte Mischung von Gefühlen mischte sich in ihre Seelen … Waren sie nun
Helden oder dreiste Sünder, die gegen ein altes Gebot verstoßen hatten? Torbey vermochte sich
nicht vorzustellen, welche Folgen sein Tun haben mochte. Doch fürs Erste wusste er, dass seine
Familie leben würde. Der sichere Tod Akhivas und der Welpen war fürs Erste abgewendet. Ähnlich
mochte auch der schlanke Braune denken, der nicht zuletzt auch für das Überleben seiner eigenen,
letzten verbliebenen Tochter eingesprungen war. Und er hatte sich nun mehr sicher einen Platz im
Rudel erkämpft, war es nicht so?
„Akhiva“, hechelte der Schwarze. „Alles in Ordnung? Haben sie dir ein Haar gekrümmt?“ Er trat
näher an die Öffnung heran. Aber die Schwarz-Weiß-Graue hatte nicht aufgesehen, hatte den
spektakulärsten Kampf der Wolfsgeschichte verpasst und womöglich versucht die Schmerzen ihres
Körpers auszublenden. Nur das sanfte Kitzeln der Welpen an ihren Brust- und Bauchwarzen ließ sie
wissen, dass sie es überstanden hatten.
„Komm, wir müssen versuchen einen anderen Ort zu finden … so gut es geht.“
Er äußerte sich sanft und mitfühlend, wie ein treusorgender Vater es hatte tun sollen. Sacht stubste
er die schöne Wölfin an.
„Ich … kann nicht“, säuselte ihre Stimme schwach.
Er gab nicht nach und meinte, „du musst. Die Menschen kommen wieder, das ist so sicher wie der
Ablauf der vier Jahreszeiten.“ Er leckte ihren Kopf und versuchte sie zu überzeugen. „Jeder von uns
nimmt die Welpen. Jetzt haben wir etwas mehr Zeit … wir schaffen es.“
Ein weibliches Stöhnen verließ ihr Maul und zeugte vom Resonanzkörper ihres Brustkorbes. Ihr
Bauch war nicht länger dick, nur noch leicht gewölbt.
Vor keinem Tier fürchtete sich der Vater so sehr wie vor den Menschen. Mochten die Konflikte mit
den Bären um Futter oder Reviere zuweilen auch blutig enden, so waren die braunen Riesen doch
nie so gnadenlos und sicher auf ihren Tod aus wie die unbefellten Aufrechtgänger.
Torbey zog nun sanft an ihrem Fell, so als versuchte er sie bereits aus dem Unterschlupf zu ziehen.
„Komm.“ Er drehte sich zu dem stillen Braunen um und befahl: „Du nimmst zwei vorsichtig in dein
Maul!“
Als der Leitwolf das nächste Mal etwas fester an Akhivas Fell zog und ihr unmissverständlich
klarmachte, dass sie keine Wahl hatte, setzte sie sich selbständig in Bewegung. Sie nahm all ihre
verbliebenen oder gerade wiedergewonnenen Kräfte zusammen, um den geschwächten Leib zu
bewegen. Mit viel Mühe und unter großem Zeitaufwand robbte sie aus dem engen Rohr, das bis
eben ein guter Wärmeisolator gewesen war. Müde und mit zu Schlitzen verengten, hellblauen
Augen wisperte sie.
„Die … Jungen … brauchen Wärme … sonst … sterben … sie …“
Es war, als nahm sie die Kleinen stellvertretend für ihre eigenen Torturen, die sie soeben durchlebte.
Doch es gab nur diesen einen Ausweg, wenn der waghalsige Angriff auf die Menschen nicht
umsonst gewesen sein sollte.
„Ich weiß“, pflichtete der selbstbewusste Alpha ihr zu und hielt sie am Schopf. Der große Fähenleib
stürzte beinahe aus dem Rohr und ihr Kopf wäre unsanft auf dem Boden aufgeschlagen, hätte er ihn
nicht am Hals hochgehalten. Es war eine Zumutung, eine von der Geburt geschwächte Mutter zur
akuten Flucht zu zwingen, doch nur der Tod war schlimmer.
Nun, da die kraftlose, erschöpfte Mutter auf dem Boden vor dem Rohr lag, zupfte der Vater das
Erste junge vorsichtig aus dem Loch. Es mutete wie ein Raub an, doch fühlte er sich befugt,
immerhin war er zu gleichen Teilen Lebensgeber dieser Welpen – bis auf einen.
„Gib mir mein Talejhachen …“, entgegnete der schlanke Braune mit dem mittellangen Fell und den
hellbraunen Augen mit flehender Stimme und sah von Freude und Schrecken gezeichnet auf den
nun mehr leeren Geburtskessel. Er wagte sich besser nicht vorzustellen, was geschah, wenn die
fremde Fähe nicht überlebte. Ohne Milch würden es die Kleinen nicht schaffen. Sie war nun seine
letzte Hoffnung.
„Nein“, drang es mit einem tiefen Grollen aus Torbeys heiserer Kehle. „Du nimmst die Zwei!“ Er
gab ihm vorsichtig einen frisch geborenen Welpen. „Acaja.“ Dann nahm er einen weiteren,
nachdem er den Welpen kurz beschnuppert hatte, überreichte ihn sacht dem Rüden und fügte hinzu:
„… und Torsay!“
Das Schnaufen durch Ortûns Nase war kein Zufall. Das war nicht sein Ernst … dieser hochmütige
Schwarze würde noch einmal über seinen Stolz stolpern und sich eine blutige Nase holen, war ihm
das bewusst?
„Aber … meine Kleine bleibt nicht zurück!“, stellte er sofort klar und schloss den Oberkiefer ganz
vorsichtig. Sofern sich die winzigen Wölfchen nicht an seinen Reißzähnen verletzten, hatten sie es
in seinem Maul angenehm warm.
Akhiva lag am Boden. Es war, als schlief sie. Doch das kaum sichtbare Öffnen und Schließen ihrer
Augen, zu Schlitzen allenfalls, zeugte davon, dass sie hier war. Torbey nahm ein weiteres Junges
aus dem künstlichen Bau und legte ihn neben ihre Schnauze.
„Hier. Du versuchst Akey zu nehmen. Aber Vorsicht, der Kleine zappelt.“
Nochmals stubste er sie an, leckte ihre Lefze und versuchte sie zu mehr Bewusstsein zu zwingen.
Im Anschluss daran nahm er die letzten beiden verbliebenen Jungen.
„Komm her kleine...r Tobay.“
Akhivas Ohren zuckten, als sie registrierte, dass ihr Gefährte den Kleinen bereits eigenständig
Namen gab, die wohl allesamt Ableitungen ihrer beider Bezeichnungen darstellen sollten, um die
Zugehörigkeit zu unterstreichen. Doch ohne es je zugeben zu wollen, hatte der stolze Vater auch die
älteste Welpin, Talejhachen aufgenommen und war nun dabei, loszugehen.
„Steh auf, Liebe. Wir müssen …“
Akhiva hatte mitbekommen, dass die zwei Rüden bereits fortgingen. Sie versuchte sich zu erheben,
doch es fiel ihr denkbar schwer. Nur langsam konnte sie sich auf ihre wackeligen Läufe stellen. Das
blutige Fell an ihrem Hinterteil gab eine Ahnung davon, welcher Schmerz noch immer in ihrem
Körper tobte. Zittrig und jederzeit drohend, wieder zusammenzubrechen, neigte sie den Kopf nach
unten, um den kleinen Rüden aufzulesen. Er bekam sicher kaum etwas mit von alledem, außer das
große Verlangen nach Nahrung und Wärme. Sie legte ihn ebenso zart in ihr Maul und begann zu
laufen. Etwas, das unter normalen Umständen kein Problem für einen gesunden Wolf war, verlangte
nun alles von ihr ab. Sie hätte wohl selbst nie gedacht, dass sich zu den natürlichen Widrigkeiten
der Geburt, die ihr immer klar gewesen waren, solche lebensbedrohenden hinzugesellten. Nur
knapp konnte sie sich auf den Beinen halten, drohte ein weiteres Mal den Halt zu verlieren, bevor
sie den Platz verließ. Nur der Gedanke an die noch größere Schwäche und Hilflosigkeit der
Kleinen, die im Gegensatz zu ihr nicht wussten, was los war, zwang sie dazu, nicht nachzugeben,
sondern durchzuhalten.
Das junge Rudel musste in den Tagen und Nächten darauf noch öfter den Platz wechseln und sich
neue Verstecke suchen. Denn Torbeys und Ortûns Angriff auf die Felllosen würde dem Stich ins
Bienennest gleichen. Vorsorglich drängte Akhiva selbst darauf, neue Verstecke ausfindig zu
machen. Bemerkenswert war wohl, dass viele Randgebiete von Ortûns und Talejhas ehemaligem
Revier unbesetzt waren – trotz hoher Beutedichte. Man konnte nur mutmaßen, welche Ursachen das
hatte, doch mochte die Gefahr durch die Zweibeiner ihren Teil dazu beitragen, dass sich hier
niemand länger aufhielt als nötig.
An diesem Tag hatten sie eine alte Bärenhöhle erspäht, die fürs Erste Deckung bot. Sie war etwas
groß für ihre Verhältnisse, doch würde sie ihren Zweck erfüllen. Die Graue schlich geduckt ans
Ende der Nische im Felsen und legte die Tochter Ortûns ab. Die beiden Rüden brachten die übrigen
Zwergenwölfe hinterher, die nun nicht mehr klamm und blutig waren, sondern schon einen weichen
Flaum präsentierten. Sofort legte sich die treusorgende Mutter hin und scharte die Kleinen eng an
ihren wärmenden Leib, wo die gierigen Mäuler der Welpen nach den vergrößerten Zitzen suchten,
um sich daran festzusaugen. Auch Talejhachen bekam eine ab, war dabei sogar im Vorteil, da sie
bereits größer und kräftiger war als der Wurf Akhivas. Bislang hatten alle Nachwuchswölfe die
Tortur überlebt, doch es wäre nichts Besonderes, würde sich das noch ändern. Momentan blieb viel
mehr zu hoffen, dass nicht gar einer der Erwachsenen sein Leben ließ – durch Menschenhand.
Der Braune schlich sich langsam und mit geduckter Haltung in die Höhle, die Ohren angelegt.
„I-ich … muss meine … Kleine … darf ich sie sehen? Sie … braucht mich …“
Doch Ortûns Näherkommen beantwortete sie selbstsichere Wölfin mit einem gefährlichen
Zähneblecken. Es war anderen Wölfen naturgemäß nicht erlaubt, den Wurfkessel zu betreten, auch
dem Vater oder respektive den Vätern nicht. Als auch der schwarze Alpha auf das Geschehen
aufmerksam wurde, wurde es für den Braunen eng.
„Raus da … oder ich breche dir das Genick.“
Der Unterworfene schlich rückwärts aus der Höhle heraus. Einerseits zerrten die väterlichen
Gefühle an seiner Seele, die ihn dazu drängten, die Kleine endlich einmal richtig in Augenschein zu
nehmen. Andererseits durfte er es sich mit beiden Wölfen nicht verscherzen, wenn er noch Gutes
für seine Tochter wollte. Noch immer hing sein einziger Funken Hoffnung an der Fremden, die
allein darüber entschied, ob sein eigen Fleisch und Blut lebte oder nicht. Für Torbey war sie
ohnehin ein Fremdkörper, den es viel mehr abzustoßen galt, doch Akhivas mütterliche Fürsorge
gestattete das nicht.
„Du kommst mit“, fuhr der kräftige Rüde ihn an. „Wir gehen auf die Jagd. Muttermilch kommt
nicht allein von Liebe – Akhiva braucht Nahrung.“
Obgleich der fremde Vater eine sachte Geste des Einverständnisses äußerte, ging es dem Schwarzen
nicht schnell genug und er stieß ihn unsanft an. „Bewegung!“
Weiter trieb die Wölfe die Flucht durchs Land auf der Suche nach einem neuen Versteck. Akhiva,
die inzwischen wieder gut bei Kräften war, hatte eine Mulde inmitten der Felsen ausfindig gemacht,
etwas höher gelegen, sodass man jederzeit sehen konnte, wenn sich ein Fremder näherte. Doch auch
umgekehrt waren sie leicht ausfindig zu machen, was den Schwarzen störte. Die Grau-Weiß-
Schwarze legte sich in die Mulde und schmiegte die Welpen eng an ihre Mutterbrust. In diesen
Tagen brauchten sie viel Milch, um ausreichend Kräfte zum Wachsen zur Verfügung zu haben.
Wieder versuchte es der Braune mit Nähe zu seiner Tochter.
„Bitte … lass sie mich einmal berühren … ich … weiß nicht mal, ob sie noch lebt.“
„Sie lebt“, stellte die Graue kühl klar und sah mit einem ungewissen Blick ins Nichts. Das
unterschwellige Knurren des eigensinnigen Familienoberhauptes hinter seinem Körper ließ ihn
nichts Gutes ahnen.
„Komm ihr nicht zu nahe … sonst fehlt dir bald was …“
Zum ersten Mal aber reagierte der Braune entschlossen gegenüber den frischen Eltern. Er drehte
sich zu Torbey um und knurrte leise zurück. „Sie ist meine Tochter und ich lasse sie mir nicht
wegnehmen.“
Torbey aber schloss selbstbestimmt die Augen und erinnerte ihn nicht ohne eine Priese Hohn.
„Ohne meine stolze Fähe wäre der Bauch deiner Partnerin das dunkle Grab deiner Tochter
geworden, mein Freund.“
„Das ist nicht gerecht“, bellte der Braune erregt und sah zwischen den beiden erwachsenen Wölfen
hin und her. „Ihr könnt sie mir nicht wegnehmen.“
„Wenn du sie säugen willst“, kam es von der weiblichen Stimme von vorn und Akhiva schloss sich
dem Spott ihres Gefährten an.
„Was … soll das … warum tut ihr das. Was hab ich euch getan?!“
„Willst du Stress?“, drohte Torbey und zeigte ihm die aufblitzenden Schneidezähne.
„Ihr nutzt mich aus. Das hat nichts mehr mit einem normalen Rudel zu tun.“
„Ein normales Rudel“, stellte die Fähe klar, „kümmert sich einen Scheiß um fremde Welpen.“
In diesem Moment griff der kräftige Schwarze ihn an, riss ihn zu Boden und ein krachendes
Knurren hallte über den Platz.
„Schluss jetzt!“, kläffte die Graue und erhob sich, um dazwischenzugehen. „Auseinander! Benehmt
euch nicht wie Halbstarke!“ Sie sah streng auf den Neuen. „Wir haben wirklich andere Probleme.“
Jetzt zu ihrem Gefährten. „Wenn wir uns gegenseitig an die Kehle gehen, freuen sich die Menschen
… wirklich!“
Sie gab sich tatsächlich Mühe hinter ihrem Beschützer zu stehen und ihm nicht in den Rücken zu
fallen, doch mitunter machte er es ihr schwer.
„Geh auf die Jagd“, befahl sie.
Doch Torbey winkte ab. „Auf keinen Fall. Ich bleibe hier. Ich lasse die Kleinen nicht aus den
Augen. Er geht alleine“, meinte der Rüde und schwenkte die Schnauze in Richtung Ortûns.
„Pah …“, maulte dieser beleidigt. „Solange ich meine Kleine nicht sehen darf, mache ich nichts
mehr.“
Doch das ließ sich der Schwarze nicht gefallen. „Du stellst hier keine Bedingungen!“
„Schon gut!“, platze es nun aus der Wölfin. „Hört endlich auf.“
Sie sah kurz zurück auf die Zwerge und dann wieder zu Ortûn.
„Wir beide gehen.“ Ein Blick auf ihren Partner. „Die Kleinen kommen inzwischen auch mal einen
Moment ohne Milch aus. Leg dich hin und wärme sie, sie dürfen nicht unterkühlen.“
„Ihr geht nicht beide zusammen!“, drohte er mit gesenktem Haupt und den Augen zu Schlitzen
verengt.
„Also gehst du mit ihm?“
„Nein.“
Akhiva zischte abwertend. Jetzt gerade war er weniger ein Beschützer, sondern trat viel mehr wie
ein weiterer, zu groß geratener Welpe auf.
„Dann komm“, meinte sie zu dem Braunen und lief los. Sie schritt dabei die Felsen herunter, bis sie
auf ebener Fläche angekommen war und erwartungsvoll nach oben sah. Aus Torbeys finsterem
Maul drangen weitere drohende Laute.
„Du. Gehst. Nicht. Mit.“
Aber das vereitelte ihm seine Begleiterin und meinte locker. „Komm einfach. Mehr als umbringen
kann er dich nicht.“
Das machte dem mittlerweile verunsicherten Braunen noch weniger Mut, sollte gegenüber Torbey
aber klarstellen, dass es nicht in Zweifel zu ziehen galt, was er anrichten konnte, wenn er denn
wollte. Er stand nicht als Schwächling da und doch trieb Akhiva Ortûn dazu, einfach mitzugehen.
Während die Graue bereits hinter den ersten Zweigen verschwunden war, sprang nun auch der
Braune herab, nicht jedoch ohne ein ungutes Gefühl. Seine größte Angst war, dass der
unberechenbare Vater, der in ihm offenbar noch immer einen Konkurrenten sah, es an seiner
kleinen, zerbrechlichen Tochter ausließ, die er nun in seine Obhut übergeben musste … nichts hätte
unangenehmer für ihn sein können.
Thema: Kapitel XI – Unsichtbare Gefahr
Forum: Das Tal

Sie war überrascht, dass der junge Rüde so sensibel auf ihre Mahnung reagierte, sah aber nicht ein, es im nächsten Moment für nichtig zu erklären. Natürlich konnte man sagen, dass er ihre Vorgeschichte und die des Rudels nicht kannte und daher nicht verstand, weshalb es wichtig war, dass die Regeln, die Skadi aufgestellt hatten, Beachtung fanden. Sie aber wusste es umso besser, denn dieses Rudel und die Versicherung darüber, dass es funktionierte, war nicht zuletzt auch ihre Überlebensgarantie. Dennoch lichtete sich ihre Miene etwas und sie beäugte den jungen Wolf weniger kritisch als noch bis eben. Was in seinem Kopf vor sich ging, wusste sicher niemand zu sagen. Aber gerade weil in diesem Moment nichts von ihm kam, interessierte es sie insgeheim. Noch bevor sie jedoch im Stande war, ihn über sein Innenleben auszuhorchen, drehte er auch schon ab und verschwand. Seine Körpersprache aber war Zeichen genug, dass er im Grunde klein bei gegeben hatte. Der muffige Rüde mit den eigenartigen Narben und milchigen Augen schien verletzbarer, als sie ihm im ersten Moment zugestanden hatte. Sie schob es auf sein offensichtlich junges Alter. Dabei war aber auch die Frage interessant, woher er diese unschönen Verzierungen an seinem Leib eigentlich hatte.
Mit zunehmender Distanz wurde ihr Hals länger und länger. Sie hätte bis eben nicht zugeben wollen, dass sie so viel Interesse an seinen Gedanken über ihre kleine Standpauke besaß. Aber nun, da er ihr den Rücken zugedreht hatte, spielte es keine Rolle mehr. Im nächsten Augenblick ertappte sie sich dabei, in Laufbewegung zu verfallen. Sie lief ihm ein Stück nach, dann noch eins und zum Schluss immer weiter. Warum sie das tat, wusste sie nicht. Vielleicht wollte sie nur sichergehen, dass er auch wirklich den Weg zurück zum Rudel einschlug. Eventuell meldete sich aber auch ihr Gewissen zu Wort, dass die Begegnung so nicht stehen lassen wollte. Entschuldigen würde sie sich nicht, wofür auch, sie hatte nichts Unrechtes ihm gegenüber getan. Aber mit seinem Verhalten gab er genug Anlass für weitere Nachforschungen.

Nachdem sie ihn zuerst aus den Augen verloren hatte, folgte sie seiner eigenartig duftenden Fährte. Sie hätte einen Geruch wie seinen unter zahllosen wiedererkannt, da war sie sicher. Er hatte zwar den Mondscheinsee angesteuert, dort jedoch ein wenig das Ufer verfehlt. Man konnte sehen, wie er auf die Wasseroberfläche sah. Wie viel sah er überhaupt noch mit seinen merkwürdigen Augen? Dieser ominöse Kachnik warf zunehmend mehr Fragen auf. Sie würde es jedoch nicht so aussehen lassen, als ob sie ernsthaftes Interesse an diesem Typen hatte. Da er sie sicher sowieso früh wahrnehmen würde, bellte sie schon aus einiger Entfernung.

„Das ist das falsche Ufer, Kachnik. Die anderen sind weiter drüben.“

Der „freundliche Hinweis“ war gleichzeitig auch ein ernster Hinweis darauf, sie nicht zu hintergehen. Wenn er zugesichert hatte, zu den anderen aufzuschließen, wollte sie auch annehmen, dass er dies befolgte. Andernfalls wäre er wenig vertrauenswürdig gewesen und damit ihres Rudels kaum würdig.
Sie ging noch näher heran, so nahe, dass es schien, wie wenn ein Räuber die Vögel auf dem Feld aufscheuchte.

„Na los! Gehen wir. Die anderen vermissen uns sicher schon.“

Sie sah ihn nicht direkt an, schwenkte im letzten Moment auch an ihm vorbei, um einen Körperkontakt zu vermeiden. Vermissen würden sie ihn vielleicht weniger, es wäre nur womöglich aufgefallen, dass er sich vom Rudel entfernt hatte. Und sie …? Sie wurde ganz sicher auch von niemandem vermisst, aber das war sie gewohnt.

(Kachnik - Mondscheinsee, nicht weit vom Rudel)
Thema: Kapitel XI – Unsichtbare Gefahr
Forum: Das Tal

Zuerst hatte sie das Gefühl, dass er tatsächlich vorhatte, ihr auf den Pelz zu rücken. Sie entblößte lautlos ein paar Zähne, war sich aber noch nicht sicher, ob er wirklich so dumm war, einen Angriff zu wagen. Doch warum kam er ihr nach? Hatte er nicht zugehört? Widersetzte er sich Skadis Sammelruf und war dies das erste Anzeichen dafür, dass er die Gruppe torpedieren wollte? Er sah nicht normal aus, verhielt sich aber nach außen hin wie ein kleiner Welpe. Als sie das erste Mal wagte anzuhalten und sich umzudrehen, konnte sie genau beobachten, wie er etwas murmelte. Mit wem kommunizierte er? War das noch an sie gerichtet? War es ihm so wichtig, ihr das mitzuteilen, dass er mit ihr ging, statt umzukehren? Wenn es nach ihr ging, sollte diese Chaostruppe für immer dort bleiben, am See, einer kleinen Exklave auf ihrem Grund. Und gern konnte Zita auch gleich dort bleiben. Eventuell hatten sie dann doch noch die Chance auf ein friedliches Rudelleben. Sie schüttelte sacht mit dem Kopf. Was auch immer er mit dem meinte, was er da von sich gab, es war so falsch und unsinnig, dass es seine eigene Glaubwürdigkeit untergrub. Dieser Wolf schien nicht zurechnungsfähig. Aber was erwartete man von einem, der noch nicht einmal den Ruf der Alpha zu verstehen schien. Sie zwang sich, kein Mitgefühl aufkeimen zu lassen, nur weil er dumm, kindisch und naiv wirkte. Nie, nie wieder würde sie mütterliche Gefühle für einen Fremden aufbringen, sie hatte es sich und dem Rudel geschworen. Es war zu viel Schreckliches passiert, als dass sie noch vertrauen mochte. Der Einzigen, der sie noch so etwas wie Vertrauen zukommen ließ, das war Skadi. Doch die hatte sich das Vertrauen erst erarbeitet und selber gelitten. Doch er? Wer war er? Vielleicht gab er nur vor hilflos zu sein, um sich in ihr Herz zu schleichen. Das würde sie nicht zulassen! Die Weiße drehte sich zu ihm um und bellte erregt mit erhobener Rute.

„Hast du nicht gehört? Geh zurück zu den anderen. Du hast nicht die Erlaubnis dich zu entfernen.“

Das klang hart, das fiel ihr durchaus auf. Es war der Versuch sich selbst unter Kontrolle zu halten, dabei wusste sie, dass sie im Grunde nicht mehr tun konnte als ihn erneut aufzufordern, zu gehorchen. Wenn sie es noch einmal bekräftigte, begann sie sich lächerlich zu machen. Berühren wollte sie ihn jedoch auch nicht. Blieb also zu hoffen, dass er Einsicht zeigte. Nach alle dem, was geschehen war, war Takata die Erste, die der Leitwölfin meldete, wenn jemand von den Regeln des Rudels abwich. Sie hatte ein Vertrauen zu verlieren, eines, das schon aus pragmatischen Gründen wichtiger war, überlebenswichtig, als das eines zurückgebliebenen jungen Rüden zu erlangen, von dem sie am Ende nichts hatte.

(Kachnik in der Nähe, etwas weiter ab vom Mondscheinsee)
Thema: Ombre Obscure
Forum: Kreatives Pfötchen

Zitat:
Torbey und seine Gefährtin Akhiva suchen auf der Flucht vor dem menschlichen Unheil ein neues Revier. Doch ihr Vorhaben, die schwere und bedrohliche Zeit, in der Akhiva ihren gemeinsamen Nachwuchs im Bauch trägt, mit anderen Wölfen durchzustehen, ist vorerst zum Scheitern verurteilt. Stattdessen sind es bald schon andere Wölfe, die auf den Schutz und die Überlebensfähigkeit der jungen Familie angewiesen sind, stets in der Hoffnung, bleiben zu dürfen. Doch dieses Recht gibt es nur im Tausch gegen puren Pragmatismus ... nur wer etwas zu geben bereit ist, darf vom Schutz profitieren. Das aber mindert die ständige Bedrohung durch die Zweibeiner nicht und so schwebt die Gefahr wie ein ständig kreisender Schatten über dem Glück der jungen Familie und ihren Anhängern ...


Ombre Obscure



Ein doppeltes, gleichmäßiges Heulen strich wie eine Welle durch die kalte Winterluft. Obgleich die Sonne schien, blieben die Temperaturen dennoch bescheiden. Das Land, in dem nur hier und da einige Reste des Schnees lagen, war kahl und leer. Der kleine Waldweg schnitt durch den dunklen Nadelwald wie ein toter Rand. Doch pulsierendes Leben glitt über die kalten Kiesel, als acht Beine darüber hinweg donnerten. Die beiden kräftigen Körper durchschnitten die eisige Luft wie abgeschossene Pfeile, die erst am Ziel waren, als Blickkontakt bestand. Die Mäuler der zwei Wölfe standen offen, stießen hellen Atemdunst zusammen mit stoßartigen Hechelgeräuschen aus. Die hellblauen Augen der Fähe fixierten die Fremden gerade so, dass es nicht als bevorstehender Angriff gewertet wurde, doch gut genug, um dem Geist ein konkretes Abbild der möglichen Gefahr zu übermitteln. Die hellgelben Augen des Rüden kannten weniger Zurückhaltung. Sein Blick lag vor allem, auf dem Dunkelbraunen mit der ergrauten Schnauze. Vier Wölfe, eher mehr, standen ihnen erwartungsvoll gegenüber, sodass gerade noch eine Gruppe zwischen sie gepasst hätte. Hätten die Zwei nicht halt gemacht, hätte es wahrhaftig wie ein bevorstehender Angriff ausgesehen.
„Ich bin Torbey“, eröffnete der Rüde mit den hellgelben Augen. Sein Verlangen nach mehr Luft unterbrach seine Vorstellung. „Das ist meine Gefährtin Akhiva.“
„Wer hat euch nach euren Namen gefragt?!“, bellte der Ergraute aggressiv. Wie ein Geschoss drang der Atemdunst dabei aus seinem finsteren Maul.
„Die Frage ist wohl eher, was ihr hier zu suchen habt …“
Der Rüde auf Seiten der Zwei holte nochmals tief Luft und erinnerte den fremden Anführer an ihre korrekte Vorgehensweise.
„Ich nehme an, ihr habt unsere Ankündigung nicht überhört.“
„Haben wir dem stattgegeben?“, zischte es aus der Schnauze des Älteren.
Torbey wusste, der Wolf allein hätte ihm nichts entgegenzusetzen gehabt. Denn er selbst war ein kraftvoller, schwarzer Rüde in seinen besten Jahren, während dieser Gipfel bei dem Dunkelbraunen gegenüber schon überschritten war. Aber seine Mitwölfe, drei Rüden und zwei Fähen, würden nicht zulassen, dass sie, die Fremden, etwas gegen den Alten unternahmen. Also schluckte der Schwarze noch einmal und setzte von vorn an.
„Unsere Absichten sind keine schlechten. Wir …“ Er geriet ins Nachdenken. Bei dem fremden Alpha musste man jedes Winseln vorher gut abwiegen, denn er hatte offenbar genug falsche Hälse, in die er es bekommen konnte. Doch bevor die Lage eskalierte, übernahm spontan seine Gefährtin – Akhiva. Vielleicht empfand der Fremde, der sich nicht vorstellen wollte, Torbey als Konkurrenz. Im besten Fall konnte sie ihren Charme spielen lassen, jedoch nur gerade so, dass es nicht lächerlich wirkte.
„Wir erbitten um Aufnahme in euer Rudel für die Zeit, bis der Winter vorüber ist.“ Der Alpha zischte.
Jetzt mischte sich der schwarze Rüde wieder ein und meinte mit einem kurzen Deuten seiner Schnauze in Richtung Akhivas. „Meine Gefährtin ist trächtig. Wir brauchen etwas Verstärkung, bis die schwierigste Zeit vorbei ist.“
„Niedlich“, kommentierte der Dunkelbraune zynisch und hob die Augenbrauen.
Akhiva ergänzte: „Trächtig aber nicht krank. Ich kann mit euch jagen und wandern; ich bin euch keine Last.“
„Natürlich nicht.“
Torbey ignorierte seine Einwürfe und meinte im Anschluss an die Erklärung seiner Begleiterin: „Wir sind der Ansicht, dass wir mit anderen Wölfen zusammen stärker sind in dieser Zeit als allein. Ihr sollt auch von unseren Kräften profitieren.“
Während die übrigen Wölfe des Rudels schwiegen und nur aus dem zarten Augenpaar der zierlichen Grauen neben dem Braunen zu ihm glitt, tat Torbey einen Schritt vor. Das aber quittierte der Alpha mit einem Zähnefletschen.
„Bevor ihr euch vor Demut im Dreck suhlt“, meinte er dann, „würde mich eher interessieren, was euch zwei Hübschen hat heimatlos werden lassen.“
„Wir kommen vom Land hinter den roten Bergen“, erwiderte der Schwarze. „Wir sind von dort weg, nachdem die Menschen immer öfter in unser Revier eindrangen und töteten. Jetzt in der Zeit, in der Akhiva unseren Nachwuchs trägt und auch danach, ist uns das zu gefährlich.“
Der Dunkelbraune kam die letzten paar Schritte auf sie zu und begann an Akhiva zu schnüffeln. Er stubste seine breite Nase gegen ihren leicht gewölbten Bauch. Torbey hatte Mühe, seine Gesichtszüge unter Kontrolle zu behalten und die Rute unten. Es schien ihm wenig zu gefallen, wie er seine Gefährtin anging. Er roch hier und da, ihn hingegen bedachte er nur eines flüchtigen Blickes.
„Trächtig, ja? Woher weiß ich, dass sie nicht einfach nur dick ist.“
Akhiva konnte das Zucken im Gesicht ihres Begleiters sehen und entschied sich, seine Stichelei durch eigenes Einwenden zu übergehen, bevor Torbey die Beherrschung verlor.
„Noch bevor meine Jungen auf der Welt sind, sind wir verschwunden. Aber bis dahin, lasst uns von unseren Kräften gegenseitig pro-“
„Nein“, schoss es aus dem Braunen, der wieder zurückgegangen war. „Verschwindet. Ihr seid Eindringlinge.“
Das Paar sah sich verunsichert an. Sein Blick zu ihr wirkte, als wollte er fragen ,Darf ich jetzt?‘. Nach nochmaligem Schlucken fragte er von Vernunft gefesselt.
„Dann seid so gut und gewährt uns ein Beutetier aus eurem Revier, damit wir gestärkt unsere Reise…“
„Das wäre Wilderei und die wird von uns bestraft.“ Er sah kurz nach links und rechts um zu verstehen zu geben, dass er seine Rudelmitglieder hinter sich hatte, wenn es hart auf hart kam.
Akhiva war die Erste, die langsam abdrehte, um denselben Weg zurückzugehen, den sie hergekommen waren. Nur zögerlich und offenbar mit sich hadernd tat es ihr Torbey gleich. Die Schneidezähne, die der fremde Alpha durch die Lefzen schimmern ließ, waren der Tritt in den Hintern, für den der Schwarze ihm allein an die Kehle gehen wollte. Doch man durfte nicht. Die Sicherheit seiner Begleiterin und die der gemeinsamen Jungen wog mehr. So schluckte er den Zorn herunter und folgte ihr zurück ins weite Land.

Die Abendsonne durchmischte den Himmel mit Rosarot und Violett, als die Zwei am Rand des Reviers angekommen waren, gefühlt weit weg von dem griesgrämigen Alten und seinen Stummen Schatten. Akhiva stand mit den Vorderpfoten auf einem Stein und sah über die weite Ebene, die von Wald umschlossen wurde, während der Rüde noch einmal einige Schritte zurück in den Wald gegangen war, aus dem sie kamen. Sie drehte den Kopf nach hinten und sah zu ihm zurück.
„Wo bleibst du?“
„Wir sollten die Gelegenheit nutzen“, erklärte er. „Wer weiß, wann wir das letzte Mal etwas Fleisch zwischen die Zähne bekommen.“ Torbey sah in Richtung der Dunkelheit. Die Bäume standen so dicht, dass man nicht wusste, was lebte und was nicht, das dort drin war. Doch Akhiva verneinte zusätzlich zu einer Geste. „Lass es gut sein. Wenn er das spitzkriegt, hat er einen guten Grund uns seine Leibeigenen auf den Hals zu hetzen. Wir sollten nicht auf Konfrontation setzen. Gehen wir weiter, wir finden schon was …“
Damit sprang sie über den Stein hinweg und lief den leichten Abhang hinab hinaus aufs weiße Feld. Der Dunkle sah nochmals zögerlich zurück zwischen die schmalen Bäume. Vielleicht war das sogar das, was er wollte … Beute reißen um zu provozieren. Dem Alten eine reinzulangen war im Moment sein dringendstes Verlangen.

Die Nacht verbrachten die werdenden Eltern auf einem nackten Hügel, der lediglich von einer dünnen Schicht Schnee bedeckt war. Akhiva hatte sich auf den Bauch gelegt und ließ den Blick übers umliegende Land streifen. Man konnte schemenhaft die Baumkronen der Tannen erkennen, die sich wie eine Zick-Zack-Linie über den Horizont zog. Etwas zu fressen hatten sie nicht gefunden, doch zeigte sich die Fähe ihrem Gefährten gegenüber zuversichtlich, dass sie am darauffolgenden Tag etwas finden würden. Der Schwarze schmiegte sich eng an sie; sein warmer Atem blies ihr gegen die Tasthaare. Er musste ganz oft daran denken, dass sie nicht allein waren, sondern das die zweite Hälfte, die zu ihrem Rudel gehören würde, in ihrem warmen Mutterleib schlummerte.

Auf der Suche nach einem neuen Revier, in dem der Nachwuchs Akhivas möglichst unbeschwert aufwachsen konnte, kamen die zwei werdenden Eltern in ein bereits besetztes Territorium. Um nicht wie Eindringlinge behandelt zu werden, kündigte Torbey ihren Grenzübertritt mit einem Heulen an, dem sich kurz darauf auch seine Gefährtin anschloss. Es machte aber nicht den Eindruck, als war dieses Revier stark von Artgenossen frequentiert, denn außer dem Geruch einer Fähe und dem eines Rüden, konnten sie hier keinen wahrnehmen. Die Reviermarkierung ging ohnehin nur vom Rüden aus, was bedeuten konnte, dass dessen Begleiterin bereits Nachwuchs erwartete – ganz wie Akhiva. Mit fortschreitender Trächtigkeit lief die Fähe nicht mehr Tag für Tag zahllose Schritte durchs Revier, es lag in der Natur der Sache.
Je näher die Zwei dem Aufenthaltsort der Revier besetzenden Wölfe jedoch kamen, desto eigenartiger erschien ihnen dies. Immer wieder sah Torbey zu seiner Gefährtin, als mochte sie eine Antwort auf die Seltsamkeiten dieses Reviers haben. Sie aber war ebenso ratlos und folgte dem sattschwarzen Rüden mit dem mittellangen Fell.
Kurz darauf vernahmen ihre Ohren das Winseln und Fiepen eines männlichen Artgenossen, der dort weiter ab zwischen den engen Birken sein musste. Die Beiden wussten nicht, ob es ratsam war, dem Ort des Geschehens so nahe zu kommen. An dieser Stelle blieb Akhiva nichts anderes, als auf den Sinn ihres Begleiters zu vertrauen. Wenn er es als sicher erachtete, den Wölfen gegenüberzutreten, so würde sie nicht zögern. Aber alles was sich ihnen auf kurzer Distanz bot, war ein schmaler, wenn auch großer Rüde mit ausgewaschenem braunen Fell, der neben einem darniederliegenden Fähenleib kauerte und wimmerte. Torbey legte den Kopf etwas schief und verzog das Gesicht, als vermutete er eine Falle. Auch die Grau-Weiße hatte angehalten und sah gespannt auf die Szenerie. Das Schwarz auf ihrem Rücken wirkte rau, wie ein Panzer, der die Widrigkeiten des Winters an sich abzuwehren wusste. Ganz anders als das sanfte Grau darunter oder das unschuldige Weiß, dass ihre untersten Flanken, brust- und Bauchbereich zierte. Sie tat es dem Schwarzen nach als sie sah, dass er die Rute höhergestellt hatte. Zweifelsohne drohte ihnen hier keine Bedrohung durch Artgenossen, denn alles was sie hier zu sehen bekamen, war ein aufgelöster Rüde, der um seine tote Gefährtin trauerte.
„Wer bist du? Ist das dein Revier?!“,
forderte Torbeys raue Stimme ein und ein forscher Blick ließ den Fremden wissen, dass er eine konkrete Antwort erwartete.
Es war nicht so, dass der braune Rüde sie nicht schon bemerkt hatte. Er hatte sie jedoch ignoriert angesichts seiner Trauer und widmete ihnen daher erst jetzt einen knappen Blick.
„Und ihr …“, quälte er mit brüchiger Stimme hervor. „Was macht ihr hier … was wollt ihr noch ...“
Während Akhiva schluckte, überging ihr Gefährte die Tatsache, dass der Braune seine Forderung nach Antworten außer Acht gelassen hatte.
„Wir sind Torbey und Akhiva. Wer bist du und wer ist das?“
Aus Akhivas hellblauen Augen glitt ein knapper Blick zu ihm herüber, als er nach dem leblosen Geschöpf auf dem Boden fragte. Es würde seine wunde Stelle sein und sie hatte nicht die Absicht, darin herumzubohren.
„Ornût … das ist … das … war … meine Talejha … sie … fand den Tod … durch die Menschen.“
In dem Moment, als Ornût, der gebrochene Rüde, den Blick auf seine verstorbene Liebe freigab, erschrak die Grauweiße nicht angesichts der groben Menschenfalle, die ihren Hals noch immer fest im Griff hatte und das Blut zu Tage förderte wie eine kräftige Schnauze den Saft eines zerquetschten Apfels ... sondern weil man sofort erkennen musste, dass mit ihr nicht nur ein Leben gestorben war. Es war unvermeidlich betroffen zu sein, wenn man selbst unter dem Druck stand junges, unschuldiges und vor allem ungeborenes Leben vor den dunklen Schatten dieser Welt zu schützen. Und in jenem Moment, als der braune Vaterrüde, der sich als Ornût zu erkennen gegeben hatte, Akhivas rundlichen und zu den Seiten leicht gewölbten Bauch ins Auge fasste, da erschrak er nicht minder. Es war für ihn womöglich ein Schlag ins Gesicht, so kurz nach dem gewaltsamen Ableben seiner Gefährtin durch zwei Andere mit dem konfrontiert zu werden, was für ihn verloren war. Auch Torbey hatte zur Kenntnis genommen, was los war und bedachte die tote Wölfin eines kurzen Blickes, eh er wieder forsch in das verzerrte Gesicht des Braunen sah.
„Bist du allein?“
Der Kopf Ortûns sank wieder nach unten auf den toten Leib der hellen Fähe, die einmal Talejha geheißen hatte. Mit einer kurzen Geste bejahte er. Er war allein, ganz allein.
Torbey aber wusste was zu tun war. Als angehender Vater sah er die Dinge pragmatisch und versuchte sich nicht von Unglücken wie diesem einschüchtern und verunsichern zu lassen. Seine Gefährtin, groß und kraftvoll wie sie für ihr Geschlecht war, stand hier, neben ihm, in der Blüte ihres wilden Lebens, vom warmen Blut durchspült, warf sichere Blicke aus ihren schönen Augen, ganz so wie er sie kennen und lieben gelernt hatte.
„Dann beanspruchen wir hiermit dein Territorium und alle Beute, die sich darin befindet.“
Ortûn sah erschrocken zu ihm, wie er das äußerte.
„Das … das kannst du nicht tun.“
„Willst du kämpfen?“, fragte Torbey geradeaus, dass es seiner Gefährtin ein unwillkürliches Augenrollen entlockte, obwohl sie sich geschworen hatte bedingungslos hinter ihm zu stehen, solange sie Fremden gegenüberstanden.
„N-nein …“
„Gut.“
„A-aber … die Menschen ...“ Er deutete mit der Schnauze auf das traurige Opfer zu einen Füßen. „Sie kennen keine Gnade. Sie schlachten uns ab … uns alle.“ Jetzt glitt sein Blick auf den dicken Bauch Akhivas. „Ihr solltet einen besseren Ort suchen, ihr seht doch, da-“
„Nichts da!“, fauchte der Schwarze böse. „Das ist jetzt unser Revier und du bist ein Eindringling oder unser Untergebener. Du wirst uns keine Befehle erteilen.“
Der Braune wollte noch etwas hinzufügen, denn obgleich er die Zwei nicht kannte, so schien er ihnen nicht zu wünschen, was ihnen passiert war. „Unterwirf dich, Untergebener!“, befahl Torbey mit strenger Stimme. Akhiva tat er Leid, aber sie ließ sich nichts anmerken.
Als sich der große, schlanke Rüde wie in Zeitlupe auf den Boden legte, trat Akhivas selbstbewusster Begleiter ohne zu zögern an ihn heran. Als der Braunpelz auf dem kargen Waldboden lag, legte er seine schwere Pfote auf dessen Hals ab und forderte die Graue an, es ihm gleichzutun. So sollte dem Unterworfenen klargemacht werden, dass sie beide von nun an das Sagen hatten.
„Dann gehört dieses Revier jetzt uns. Und nun zeige mir, wo es hier die fetteste Beute gibt.“
„J-ja … nur ihr solltet vorsichtig sein.“ Ortûn erhob sich langsam wieder und schüttelte sein Fell aus. „Die Menschen sind voller Heimtücke. Sie vergiften Fleisch und legen es in unserem Revier ab. Wenn-“
Torbey stieß ihn unsanft an. „Halt die Schnauze und geh'.“ Er sah kurz zurück auf die Fähe. „Bleib hier und warte, bis wir zurückgekehrt sind.“
Mit einem kurzen Zeichen gab sie zu verstehen, dass sie tun würde, wie er angeordnet hatte. Mit Neugier inspizierte sie den toten Leib zu ihren Füßen. Der Braune bekam das mit, doch konnte er nichts ausrichten. Er hatte von nun an nichts mehr zu melden. Es spielte auch keine Rolle mehr, was nun geschah – ob er nun von den Menschen getötet oder von Artgenossen gerichtet wurde, es konnte ihm gleich sein. Der Tod seiner Gefährtin und der seiner Jungen zog ihn zu Boden.

Die beiden Rüden erlangten auf die Schnelle mehr die kleinere Beute und machten sich mit zwei toten Kaninchen auf den Weg zurück. Als sie wieder am Platz des Zusammentreffens auftauchten, zeichnete sich der Schreck im Gesicht Ortûns ab – der Bauch seiner toten Begleiterin war blutig, aufgerissen, Fell- und Haut hingen zur Seite. Doch ihr Gesicht war unverändert, es war tot. Sie hatte keine Schmerzen als die des Sterbens gespürt. Der nächste Blick wanderte auf die Begleiterin des anderen Rüden, Akhiva. Sie lag etwas weiter ab auf dem Bauch und leckte zwischen ihre Pfoten.
„Was …?!“
Auch Torbey wurde vom Schrecken eingeholt, ließ die spärliche Beute fallen und sprang in zwei Sätzen zu seiner Gefährtin.
„Was machst du da?“, wollte seine laute Stimme wissen. Aber die selbstsichere Fähe mit dem nahezu perfekten Äußeren sah zu ihm und mahnte zur Ruhe. Anschließend glitt ihre rosafarbene Zunge wieder aus dem Maul und leckte weiter. Ortûn kam eilig herbei, auch er hatte die Beute fürs Erste außer Acht gelassen und wollte sehen, was dort vor sich ging.
Er wusste nicht, ob er erschrocken oder erfreut sein sollte, als er zwischen den weiß-grauen Pfoten der ihm beinahe fremden Wölfin ein rot-verflecktes, nasses Etwas sah. Erst auf dem zweiten Blick erkannte er, dass es lebte, dass es zuckte und atmete. Und erst mit dem dritten Gedanken wurde ihm klar, dass dieses kleine Wesen aus dem Bauch seiner toten Weggefährtin stammte. Ihm stand das Maul offen, während er seine grenzenlose Überraschung äußerte.
„A-aber … w-wie … wie kann das sein … wie ist das möglich.“
Akhiva mahnte erneut zur Ruhe. Es brauchte keine weiteren Erklärungen, schon das Offensichtliche war Erklärung genug. Dennoch ergänzte die Wölfin, die sich treusorgend um das kleine Geschöpf kümmerte.
„Sie hat ihre Geschwister überlebt. Sie braucht Wärme …“
Während der Schwarze schon zu grummeln und zu schnaufen begann, um seinem Unmut kundzutun, fügte sie noch hinzu, mehr zu sich selbst.
„Wenn es mir gelingt, kann ich sie bald säugen. Sonst wird sie nicht lange …“
„Niemals!“, knurrte Torbey und lief im Halbkreis um seine liegende Fähe herum.
„Jeder Tropfen unserer Milch ist für-“
Unserer?“, spottete sie amüsiert.
„Du musst dich um unseren Nachwuchs kümmern. Der Welpe dort überlebt ohnehin keine drei Tage.“
Sie sah zu ihm hoch und meinte mit entschlossenem Ausdruck in ihrem Gesicht.
„Was weißt du schon von Welpen. Unsere Welpen sind noch nicht einmal geboren. Ich lasse sie nicht sterben“, fügte sie mit leiserer Stimme hinzu und sah wieder auf das hilflose Wesen zwischen ihren schlanken Pfoten.
Der Kiefer Ortûns bebte. War er zunächst voller Zorn über die Schändung seiner einstigen Geliebten gewesen, über diesen Vertrauensbruch, diese Machtlosigkeit angesichts des anderen Rüden, holte ihn nun mehr eine unbeschreibliche Freude, eine Erleichterung ein. Er fühlte diese Leichtigkeit, wollte sich nicht mehr regen, nicht laut auftreten, aus Angst, er würde dieses kleine Wesen, das seine Tochter war, sein Fleisch und Blut, doch noch aus dem Leben reißen. Obgleich er die fremde Fähe nicht wirklich kannte, so wusste er im Gegensatz zu ihrem Begleiter, dass die Versorgung und Aufzucht der Kleinen in erster Linie Sache der Fähen war. Es wäre ihm nicht in den Sinn gekommen, ihr die Kleine zu entreißen, denn es brauchte nicht viel Überlegung, um zu dem Schluss zu kommen, dass er ihr ganz sicher nicht die Nährstoffe geben konnte, die seine kleine Tochter brauchte. Viel gefährlicher also als die Pfoten der Fremden würden die Zähne ihres eigenwilligen, verbissenen Anhängsels werden, der einfach nicht aufhören wollte in allem und jeden eine Bedrohung zu sehen.
Nun mehr doch wagte Ortûn, seinen Kopf langsam herunterzubeugen und das schwerlich lebensfähige Wesen zwischen den Pfoten der Wölfin zu beschnuppern. Unfassbar, in dieser Fremde lag nun all seine Hoffnung, doch nicht als gebrochener, versagter Vater herauszugehen. Doch was blieb ihm übrig.
Doch in dem Moment, als er der Kleinen und damit auch der Wölfin nahe kam, schnappte die Schnauze des Schwarzen nach ihm. Er umrundete Akhiva und drängte den anderen Vater, in dem er nun viel mehr noch einen Konkurrenten zu sehen schien als vorher, von ihr ab.
„Weg von Akhiva – du hast dich uns unterworfen.“
„A-aber … sie hat … da ist …“
Torbey hörte gar nicht auf ihn, sondern blickte zu seiner Partnerin herüber und meinte mit Gift in seiner Stimme.
„Steh auf! Weg von ihr!“
Tatsächlich erhob sich die Grau-Weiße und sah mit strengem Blick zu ihrem Begleiter.
„Ich lasse nicht zu, dass du ihr etwas antust. Sie ist unschuldig wie unsere Jungen es sind.“
„Wir haben genug mit unseren eigenen Jungen zu tun“, meinte er und sah bedrohlich von unten herauf, die Ohren angelegt.
Sie aber gab mit einer entschiedenen Geste zu verstehen, dass sie das nicht zulassen würde. Sie stand über der Kleinen, die noch kaum als Wolf zu erkennen war, wie ein schützendes Dach. Kurz nach diesem eindeutigen Signal von ihr schoss der Dunkle hervor und stieß sie an der Schulter zur Seite. Ortûn blickte erschrocken drein, einerseits, weil er seine eigene Gefährtin anzugreifen schien, andererseits, weil er schreckliche Angst hatte, dass die Pfoten der Erwachsenen seine kleine, blinde und taube Tochter treffen würden. Akhiva war ebenso erschrocken, fürchtete sich allerdings nicht und ging auch nicht von einem echten Angriff aus. Dennoch sah sie sein Tun als groben Verstoß gegen ihr unausgesprochenes Bündnis, das nicht zuließ, das einer den anderen angriff – zumal sie einen dicken Bauch hatte. Sie stolperte zunächst etwas zurück, schnappte dann aber gefährlich nach seiner Schnauze und drohte mit fletschenden Zähnen. Sie würde sich nicht wie der Unterwürfige behandeln lassen. An ihr biss er sich die Zähne aus, das musste ihm inzwischen klar sein. Im Anschluss an dieses kurze Intermezzo, sprang sie selbstsicher vor zu dem kleinen Wesen und hob es sacht auf.
„Hat deine Partnerin schon einen Wurfkessel gegraben für eure Jungen?“, wollte sie nüchtern von Ortûn wissen und schritt an ihm vorbei. Er wirkte verunsichert, hatte den Schock kaum verkraftet und gab wie automatisiert Antwort.
„Nein … der Boden … er war gefroren, wir … konnten noch nicht.“
„Wo gehst du hin?!“, bellte ihr Rüde erregt.
Wortlos stapfte sie zwischen den Birken hindurch und verließ diesen Ort. Nur im letzten Moment fiel dem erzürnten Schwarzen noch ein, dass er die Beute nicht vergessen durfte.
„Nimm den anderen mit, Unterwürfiger!“, befahl er noch und eilte der nur langsam gehenden Grauen nach. Ihre Muttergefühle waren für ihn undurchdringlich. Dabei merkte er nicht, dass seine väterlichen keineswegs weniger stark hervortraten. Nur der Untergebene, Ortûn, ein Vater niederen Ranges ohne sichere Zukunft, angewiesen auf zwei Fremde, die ihm nur teilweise gut gesinnt waren, sah mit gemischten Gefühlen auf den entstellten Leib seiner Liebe zurück. Talejha … wie hätte sie reagiert. Aber seine Gedanken konnten nun unmöglich der Toten gelten. Er musste ihnen folgen und seiner einzigen überlebenden Tochter beistehen, so gut er konnte. Und er musste, ob es ihm gefiel oder nicht, den Unterwürfigen geben und tun, was sie beide befahlen. Von ihm musste er befürchten, in einen Kampf verwickelt zu werden und von ihr – gar noch viel schlimmer – dass sie ihre Zuneigung seiner einzigen Tochter gegenüber einstellte und ihr Milch und Wärme versagte und alles, was nur Fähen Welpen geben konnten. Und angesichts dieser Abhängigkeit fiel es ihm gar nicht mehr schwer, sich zu opfern und zu tun, was immer sie von ihm verlangten.

(...)
Thema: Kapitel XI – Unsichtbare Gefahr
Forum: Das Tal

Sie fragte sich, was dieser kleine, etwas missgestaltete Rüde für ein Problem hatte. Er wurde laut, dabei hätte er eigentlich ganz still sein sollen. Die Weiße trat einen Schritt zurück, mehr aus Reflex, als das sie wirklich vor hatte, ihm auszuweichen. Wer war er denn? Ein unheimlicher, vorlauter Fremder, der es offenbar mit den Augen hatte. Wenn Skadi mitbekam, dass er sich unerlaubt vom Stammplatz entfernt hatte, würde es für ihn womöglich Ärger geben. Wer sagte ihnen, dass er nicht dabei gewesen war, in ihrem Revier zu wildern? Immerhin hatten sie es auch verpasst rechtzeitig anzukündigen, dass sie die Reviergrenzen überschritten. Erst als es unvermeidbar gewesen war, hatten sie sich dazu hinreißen lassen. In ihren Augen nicht gerade ein Vertrauensgrund.
Sie konnte es nicht genauer definieren, aber sie fand diesen Wolf in irgendeiner Weise unheimlich und gruselig. In seinem Hirn konnte es nur schimmeln. Vielleicht war er selbst Opfer der Seuche, die er prophezeite. Vermutlich war er der Geist des einstigen Kadaver-Besitzers, der zurückgekommen war, in der Hoffnung, sein eigenes Verrecken verhindern zu können. Doch was hatte sie damit zu tun?
Sein Geheuchel machte sie nur noch skeptischer. Welchen Grund sollte er haben, sie vor einer bevorstehenden Gefahr zu warnen? Was wusste er schon? Die Weiße zischte abwertend. Als er endlich fertig war mit seinem theatralischen Auftritt, fuhr die bis eben kraftlos geglaubte Fähe zur Höchstform auf, nicht aber, ohne wieder zwei Schritte vor zu tun, wofür sie sich insgeheim ekelte.

„Was weißt du schon vom Verlieren, Karik? Du kommst mit deinen Freunden hier in unser Revier und weißt also, was das Beste für uns ist?“ Ein paar Zähne schimmerten unwillkürlich durch die Lefze. „Dann lass mich dir eins mitteilen, junger Wolf- Ihr seid zu spät. Wenn du in deiner Rolle als selbstloser Erretter nicht komplett versagt hättest, wärst du eher gekommen.“

Und dann wollte er sie zur Reise auffordern! Die Polarwölfin schüttelte fassungslos mit dem Kopf. Nichts wäre für sie weniger in Frage gekommen, als zur nächsten Reise aufzubrechen, dabei war die Flucht hier her ja einst ihre Idee gewesen. Doch um nichts in der Welt würde sie nochmals den Gebirgspass und den grausamen Moor passieren, an dem so viele fürchterliche Erinnerungen lagen.

„Ich werde nirgendwo hingehen! Nichts wird mich mehr von hier vertreiben, auch ihr nicht. Du hast keinen Schimmer, was wir erlebt haben. Du warst nicht dabei, als unsere Freunde vor unseren Augen gestorben sind, gefallen in Schluchten, von Bären zerrissen oder …“ Sie verstummte. Halt … einen „Asoka“ oder eine „Larka“, die sie ja im Grunde nicht kennen gelernt hatte, noch unter der Bezeichnung Freunde laufen zu lassen, war schon unpräzise aber gut genug für einen Fremden wie ihn. Jetzt aber fortzufahren von einem „Freund“, dessen fürchterliche Grimasse vom ewigen Eis umschlossen war, zur Warnung an alle nachfolgenden Wolfsgenerationen … das wäre schlichtweg gelogen gewesen. Ihr lief es eiskalt über den Rücken bei dem Gedanken, die anderen hätten sie so hören können. Takata sah ins kühle Nichts. Die Bilder vom sterbenden Schwarzen tauchten wieder vor ihrem geistigen Auge auf. Oh nein … sie würde hier niemals mehr weggehen. Keine Seuche konnte so schlimm sein wie die Erinnerung an ihn.
Beinahe passend hörte sie in weiterer Entfernung das Heulen ihrer neuen Führerin. Ohne zu überlegen glitt ihr erwartungsvoller Blick wieder auf diesen Karnik. Das war wohl auch für ihn das Signal, besser zurückzukehren, denn im Gegensatz zu ihr gehörte er noch nicht zu diesem Rudel. Und sie mochte sich nicht vorstellen, dass ein missratener Wolf wie er es je tat, dessen äußeres Erscheinungsbild nicht nur fragwürdig war, sondern der auch im Geist zu faulen begonnen hatte, nicht aber so, dass sie ernsthaft Mitleid mit ihm gehabt hätte. Zu weh taten die eigenen Wunden, die da noch klafften. Die Weiße wandte sich ab und ging ein paar Schritte weiter in die Richtung, die sie ursprünglich eingeschlagen hatte. Doch sie hätte nicht schwören wollen, dass dieser Verrückte nicht irgendwas Neues im Schilde führte. Sie machte sich auf alles gefasst.

(Kachnik in der Nähe, etwas weiter ab vom Mondscheinsee)
Thema: The Den of Roghir
Forum: Kreatives Pfötchen

Na das Bild sagt doch alles aus. hihi Finde ich wirklich gut getroffen!
Und die Proportionen und die Anatomie hast du schon gut drauf. Hast du auch mit Skelett-Abbildungen von Kaniden geübt?

Hübsch. ^^ Wer ist das?
Hattest du eine Vorlage dafür?
Einzig die Nase hätte ich etwas anders versucht. ^^'' Vielleicht den Strich nach oben kürzer, sodass das nur eine kurze Kurve ist für die Nasenspitze? smile
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